Manchmal ist der wichtigste Schritt nach vorne ein kleiner Schritt zurück. Ich merke gerade selbst: Bevor ich weiter über Businesspläne, Praxisräume und Strategien schreibe, möchte ich einmal innehalten. Denn eine Frage entscheidet alles: Passt Selbstständigkeit überhaupt zu mir – in der Lebensphase, in der ich gerade bin? Und diese Frage lässt sich nicht beantworten, ohne ehrlich über Familie, Verantwortung, Erwartungen und Perfektion zu sprechen.
Ich vergleiche mich manchmal mit meiner besten Freundin. Sie ist hervorragend ausgebildet. Sie hätte beruflich weit nach oben klettern können auf der Karriereleiter. Sie hat sich bewusst dafür entschieden, bei ihren Kindern zu bleiben und ihre drei Töchter großzuziehen. Und weißt du was? Sie macht das beneidenswert perfekt. Ihre Kinder sind wie drei Orgelpfeifen. Sie ist geduldig und gut vorbereitet. Der Familienalltag meist ruhig, strukturiert, geduldig. Und genau hier kommt der Punkt: Wenn man eines von einer Vollzeit-arbeitenden Mutter (oder einem Vollzeit-arbeitenden genauso engagierten Vater) nicht erwarten darf, dann ist es Perfektion. Und das gilt nicht nur für andere. Das gilt vor allem für uns selbst.
Meine Kinder sind im Vergleich mit denen meiner Freundin öfter ungekämmter, lauter und fordernder. Nicht, weil es ihnen an Aufmerksamkeit fehlt. Sondern weil sie früher und selbstständiger ihren Bedürfnissen nachgehen können und lernen. Und halt eben auch chaotischer. Und genau deshalb glaube ich: Man muss das Chaos nicht beseitigen. Man muss nur lernen, es gelassener hinzunehmen.
Ich habe in meinem Leben als Vollzeit arbeitende Mom of 3 dazugelernt: Man kann das Chaos bekämpfen. Man kann versuchen, es zu kontrollieren. Man kann sich perfektere Pläne machen. Und trotzdem kommt es immer wieder durch irgendeine Hintertür hineingekrochen. Gesunde Kinder sind lebendig, emotional und fordern die Aufmerksamkeit, die sie eben gerade benötigen, auch einfach ein.
Und es spielt für sie keine Rolle, wenn man irgendwann nach der Arbeit ausgelaugt zur Tür hineinfällt, weil man als Ärztin einen höchst verantwortungsvollen Job hat und sich tagein tagaus um seine Mitmenschen kümmert. Dann braucht man vor allem folgende Survival Skills: Lockerheit und Flexibilität.
Für mich ist das Wichtigste in einer Familie nicht Struktur. Nicht Perfektion. Nicht reibungsloser Alltag. Sondern gelebte Zuneigung und Gelassenheit. Wenn davon genug da ist, ist unglaublich viel möglich. Aber dieser Zustand fällt nicht vom Himmel. Man muss aktiv dafür sorgen. Als Mutter, als Vater und als Partner. Dass es spürbar ist. Auch und gerade dann, wenn es stressig ist.
Und genau hier entsteht eine spannende Parallele: Selbstständigkeit fühlt sich an wie ein Kind.
Selbstständig sein bedeutet Verantwortung tragen, Nicht nur ein bisschen und nicht nur zeitweise, sondern dauerhaft. Es fordert Aufmerksamkeit. Entscheidungen. Geduld. Fehler. Durchhaltevermögen. Und vor allem: die Fähigkeit, auszuhalten, dass man nicht immer alles perfekt im Griff hat.
Einige meiner Freundinnen, die Mütter geworden sind, hatten hohe Erwartungen an sich. Sehr hohe. Alles sollte funktionieren. Sie wollten alles richtig machen. Perfekt. Und jedes Scheitern daran hat sie frustriert. Sie hatten Ängste. Sie haben sich regelmäßig selbst fertig gemacht. Gerade wenn du dich hier wiedererkennst und planst, selbstständig zu sein - dann ist dieser Blog hier wichtig für dich.
Denn ich denke mir: Mit diesem inneren Anspruch ist Selbstständigkeit noch schwerer, nicht unmöglich, aber wahrscheinlich emotional belastend. Und dessen sollte man sich bewusst sein.
Wer akribische dauerhafte Perfektion braucht, um sich sicher zu fühlen, wird mit der eigenen Praxis wahrscheinlich oft an seine Grenzen stoßen.
Ein ehrlicher Blick auf die Vorteile der Anstellung
Genau deshalb finde ich es so wichtig, auch die Anstellung wertzuschätzen. Das ist weder weniger mutig noch zweite Wahl, es ist einfach ein anderer Weg mit anderen Vorteilen.
Wenn ich krank bin, bleibe ich zu Hause.
Wenn mein Kind krank ist, übernimmt jemand anders die Verantwortung.
Mein Gehalt kommt jeden Monat.
Ich habe finanzielle Sicherheit.
Ich trage weniger Risiko.
Die große Verantwortung liegt nicht bei mir, sondern beim Arbeitgeber.
Das ist keine Schwäche. Das ist Stabilität. Und für viele Lebensentwürfe ist genau das die beste Entscheidung.
Mein Fazit
Selbstständigkeit ist Typensache. Sie verlangt Mut, Hingabe, Gelassenheit und Durchhaltevermögen. Und sie ist nicht automatisch für jeden der richtige Weg. Denn Hingabe, Verantwortung und ein gutes Leben haben viele Formen.
Man darf bewusst wählen, dass man das die Selbstständigkeit nicht möchte. Oder man entscheidet sich bewusst dafür, mit allen Vor- und Nachteilen und den mannigfaltigen Herausforderungen, die dann folgen…
… und davon berichte ich euch in meinen nächsten „Jasmin gründet“ Blogs ;-)
Eure Jasmin!
