Die Dermatologie war schon immer ein visuelles Fach. Wir diagnostizieren mit den Augen. Dabei vergleichen wir Muster und Farben, bewerten Oberflächen und Verteilungen. Unsere Entscheidungen entstehen dabei nicht allein aus Laborwerten oder Algorithmen, sondern aus dem Zusammenspiel von Erfahrung, genauer gesagt: aus Beobachtung und Kontext. Genau an diesem Punkt setzt Augmented Reality (AR) an. Dabei steht AR nicht als Ersatz ärztlicher Expertise, sondern eben als digitale Erweiterung unseres Sehens.
Der Begriff Augmented Reality beschreibt eine Technologie, die digitale Informationen in die reale Welt einblendet. Anders als Virtual Reality (VR), bei der die Nutzer vollständig aus der realen Umgebung herausgelöst sind, bleibt AR unmittelbar in der Welt, also in unserem Beispiel am Patienten. Dabei bleibt unsere Haut mit möglichen Läsionen, anatomischen Markierungen und / oder Operationsfeldern sichtbar, wird aber durch zusätzliche Ebenen ergänzt. Das können Hinweise, Simulationen oder Vergleichsdaten sein. Für ein Fach wie die Dermatologie ist das keine technische Spielerei, sondern nur eine logische Weiterentwicklung.
Die wissenschaftliche Literatur ordnet AR in der Dermatologie derzeit als „emerging technology“ ein, das heißt als aufstrebend, aber eben noch nicht flächendeckend etabliert. Bereits 2019 stellten Sharma und Kollegen (1) im Journal of the American Academy of Dermatology die Frage, ob wir bereit für AR seien. Ihre Antwort war wie folgt: Dermatologie eigne sich besonders gut für AR-Anwendungen, sofern diese evidenzbasiert entwickelt, klinisch validiert und sinnvoll in bestehende Abläufe integriert würden. Diese Einschätzung hat sich in neueren Übersichtsarbeiten weiter gefestigt.
Aktuelle Publikationen, unter anderem im Journal of Investigative Dermatology (2024) (2), betonen, dass AR nicht isoliert gedacht werden darf. Erfolgreiche Anwendungen entstehen dort, wo medizinische Expertise, technisches Know-how, ein regulatorisches Verständnis und die Nutzer (aka Patienten) - Perspektive zusammenkommen.
Gerade für junge Dermatologen ist das ein wichtiger Punkt. Innovation bedeutet hier nicht, Technik unkritisch zu übernehmen, sondern sie fachlich einzuordnen und aktiv mitzugestalten. Deswegen erklären wir euch wie: Klinisch bietet AR verschiedene Ansatzpunkte.
In der Diagnostik kann sie dabei helfen, Läsionen strukturierter zu erfassen, digitale sog. „Overlays“ zu erstellen oder Veränderungen im Verlauf sichtbar zu machen. Denkbar sind Anwendungen, die frühere Befunde transparent einblenden oder auffällige Areale markieren ohne die ärztliche Beurteilung zu ersetzen. Dann ist ein realer Blick in die Vergangenheit möglich. Wie ist Wunde abgeheilt? War die Aktinische Keratose vor der topischen Therapie größer oder ist sie gleich geblieben? Gerade in der Weiterbildung kann dieses Sicherheit geben, etwa bei der Einschätzung pigmentierter Läsionen oder entzündlicher Muster. Entscheidend festzuhalten ist aber, dass die AR nur Hilfestellungen und keine Diagnosen liefert.
Besonders großes Interesse besteht an AR im operativen Bereich. In der Dermatochirurgie, z.B. bei komplexeren Exzisionen oder in der Mohs-Chirurgie kann AR unterstützen. Möglich könnte es hier sein, eine bessere Schnittführung zu planen, Resektionsränder zu visualisieren oder anatomische Strukturen noch besser zu erkennen. Erste Studien (3) zeigen bereits eine verbesserte Orientierung und theoretisch damit auch eine höhere Präzision. Dabei befinden sich noch viele dieser Anwendungen im Forschungs- oder Prototypstadium, aber das Potenzial ist klar. Gewebeschonung und möglicherweise effizientere Abläufe in der OP sind die Zielsetzung.
Nicht nur die IMCAS 2026 in Paris, sondern auch Paper (4) zeigen: in der ästhetischen Dermatologie ist Augmented Reality bereits deutlich weiter verbreitet. Patienten nutzen AR hier häufig als Anwendung zur Gesichtsmodellierung oder Ergebnis-Simulation. Richtig eingesetzt, kann das ein wertvolles Instrument sein. So werden nämlich keine falschen Hoffnungen gesetzt und bestimmte Ergebnisse fälschlich angenommen. Viele Ärzte erhoffen sich durch AR eine bessere Aufklärung. Studien zeigen auch hier, dass visuelle Simulationen helfen können, Erwartungen realistischer zu gestalten und Entscheidungsprozesse zu strukturieren.
Für uns junge Dermatologen bedeutet das auch eine neue Verantwortung. AR darf kein Marketinginstrument ohne medizinische Einordnung sein, sondern muss Teil eines transparenten ärztlichen Gesprächs bleiben.
Ein weiterer wichtiger Bereich ist die Lehre und Weiterbildung. AR eröffnet neue Möglichkeiten der Supervision und des Lernens im klinischen Alltag. Denkbar sind sogenannte „Live-Guidance“ Situationen, bei denen erfahrenere Kollegen Eingriffe kommentieren oder unterstützen, ohne physisch vor Ort zu sein. Gerade in der Weiterbildung kann das bedeuten, schneller Sicherheit zu gewinnen und komplexe Techniken auch besser zu verstehen. Gerade im ambulanten Setting, wo Zeit und personelle Ressourcen begrenzt sind, könnte AR mittelfristig ein relevantes didaktisches Tool werden.
Deswegen zeigt sich im Vergleich zur Virtual Reality, warum AR für die Dermatologie praxisnaher als VR ist. Während VR in Therapie, Rehabilitation und Psychotherapie, z.B. in der Schmerztherapie oder bei Phobien bereits erfolgreich eingesetzt wird, trennt sie Nutzer damit vollständig von der realen Haut. AR hingegen bleibt am Patienten, integriert sich leichter in bestehende Abläufe und unterstützt dort, wo tatsächliche Hautveränderungen beurteilt oder behandelt werden.
Mit jeder neuen Technologie stellt sich jedoch auch die Frage nach der rechtlichen Einordnung. Für AR-Anwendungen ist diese besonders relevant. Nach der europäischen Medical Device Regulation (MDR) gilt ein Produkt dann als Medizinprodukt, wenn es für Menschen bestimmt ist, einen medizinischen Zweck verfolgt und seine Hauptwirkung nicht pharmakologisch entfaltet. Bei AR-Systemen ist die Abgrenzung oft schwierig: Handelt es sich um reine Software? Um ein System aus Hardware und Software? Oder um ein Lifestyle-Produkt ohne medizinischen Zweck?
Entscheidend sind Zweckbestimmung und Bewerbung durch den Hersteller. Gerade Anwendungen, die Diagnostik oder Therapie unterstützen, können schnell unter die MDR fallen. Für Dermatologen bedeutet das konkret: nur zertifizierte, klar eingeordnete Systeme sollten im medizinischen Kontext eingesetzt werden (und damit keine Gaming Brillen). Besonders sensibel sind Fernbehandlungen, da hier zusätzliche Vorgaben aus Berufsordnung, Datenschutzrecht und Telemedizin greifen. Die aktuelle Gesetzgebung hinkt der technischen Entwicklung teilweise hinterher, was Unsicherheiten schafft. Deswegen ist ein reflektierter Umgang mit diesen neuen Techniken umso wichtiger.
Womit wir beim Thema sind: Datenschutz spielt in diesem Zusammenhang eine zentrale Rolle. AR-Systeme verarbeiten hochsensible Gesundheitsdaten, darunter Bildmaterial der Haut, biometrische Informationen und gegebenenfalls Videodaten. Nach DSGVO dürfen nur notwendige Daten erhoben werden und Patienten müssen umfassend informiert einwilligen. Für den Praxisalltag heißt das: zertifizierte Plattformen (wo werden die Daten gespeichert?), klare Zugriffsregelungen (wer setzt die Brille auf?) und transparente Aufklärung (was ist bei der Dokumentation zu beachten?) sind Pflicht.
Ein häufig geäußerter Vorbehalt gegenüber Technologien wie AR ist die Sorge um den Verlust ärztlicher Autonomie. Doch die bisherige Evidenz spricht eher für das Gegenteil. Richtig eingesetzt, kann AR repetitive oder unterstützende Aufgaben übernehmen und so Raum schaffen für das, was ärztliche Arbeit im Kern ausmacht: unser Arzt-Gespräch. Die American Academy of Dermatology betont in ihrer Position zu „Augmented Artificial Intelligence“ (5), dass digitale Technologien die Versorgungsqualität verbessern und ärztliche Zufriedenheit erhöhen sollen und eben nicht umgekehrt.
Damit können wir uns abschließend fragen: wie realistisch ist Augmented Reality im dermatologischen Alltag? Kurzfristig wird sie vor allem in Lehre, Simulation und ästhetischer Beratung präsent sein. Mittelfristig sind Anwendungen in der chirurgischen Planung und in spezialisierten ambulanten Settings denkbar. Langfristig könnten standardisierte, validierte AR-Tools Teil digitaler Versorgungspfade werden, vorausgesetzt, sie erfüllen hohe Anforderungen an Evidenz, Sicherheit und Transparenz.
Für uns Ärzte liegt darin eine große Chance. Augmented Reality ist kein Zukunftstraum, der irgendwann von außen über das Fach gestülpt wird. Sie ist ein Werkzeug im Entstehen, das jetzt kritisch begleitet, fachlich bewertet und mitgestaltet werden sollte. Nicht jede technologische Neuerung ist sinnvoll. Aber einige passen so gut zur Dermatologie, dass man sie ernsthaft prüfen muss. Augmented Reality gehört zweifellos dazu.
Wir erinnern uns: die Dermatologie war schon immer ein visuelles Fach. Wir diagnostizieren mit den Augen, wir vergleichen Muster und Farben und mehr. Entscheidungen entstehen deswegen nicht allein aus Laborwerten oder Algorithmen, sondern aus dem Zusammenspiel von Erfahrung. Um genau zu sein aus Beobachtung und Kontext. Genau hier setzt Augmented Reality (AR) an, nicht als Ersatz ärztlicher Expertise, sondern als digitale Erweiterung unseres Sehens.
BK
Quellen:
(1) Sharma P, Vleugels RA, Nambudiri VE. Augmented reality in dermatology: Are we ready for AR? J Am Acad Dermatol. 2019 Nov;81(5):1216-1222. doi: 10.1016/j.jaad.2019.07.008. Epub 2019 Jul 12. PMID: 31302186.
(2) Muralidharan V, Tran MM, Barrios L, Beams B, Ko JM, Siegel DH, Bailenson J. Best Practices for Research in Virtual and Augmented Reality in Dermatology. J Invest Dermatol. 2024 Jan;144(1):17-23. doi: 10.1016/j.jid.2023.10.014. PMID: 38105083.
(3) Pulumati A, Algarin YA, Jaalouk D, Hirsch M, Nouri K. Exploring the potential role for extended reality in Mohs micrographic surgery. Arch Dermatol Res. 2024 Jan 9;316(2):67. doi: 10.1007/s00403-023-02804-1. PMID: 38194123.
(4) Elder A, Cappelli MO, Ring C, Saedi N. Artificial intelligence in cosmetic dermatology: An update on current trends. Clin Dermatol. 2024 May-Jun;42(3):216-220. doi: 10.1016/j.clindermatol.2023.12.015. Epub 2024 Jan 4. PMID: 38181887.
(5) server.aad.org/forms/policies/Uploads/PS/PS-Augmented%20Artificial%20Intelligence.pdf
