Bekannt werden, Team finden – und mit Ängsten umgehen Der große Tag rückt näher: Zweifel & Sichtbarkeit

Je näher die Praxiseröffnung rückt, desto lauter werden die Gedanken im Kopf. Kommen überhaupt Patienten? Habe ich die richtigen Entscheidungen getroffen? In dieser Phase geht es nicht nur um Organisation, sondern auch um Sichtbarkeit, Netzwerk und Vertrauen. Wie ich versucht habe, in meiner Umgebung bekannt zu werden, welche Fehler ich gemacht habe und welche Sorgen mich begleitet haben, liest du hier.

Je näher der große Tag rückt, desto mehr verändert sich etwas.

Nicht unbedingt im Außen – da läuft alles irgendwie weiter.
Aber im Kopf wird es lauter.

 

Die größte Frage: Kommt überhaupt jemand?

Eine meiner größten Sorgen war ganz banal – und gleichzeitig existenziell:

Was ist, wenn keiner kommt?

Gerade wenn man – so wie ich – ohne Kassenvertrag startet, fühlt sich das Risiko noch einmal größer an. Man hat keinen „automatischen“ Patientenstrom. Alles, was kommt, muss man sich selbst aufbauen. Und dafür ist vor allem eins vonnöten: Sichtbarkeit.

 

Bekannt werden ist kein Zufall

Ein paar Wochen vor der Eröffnung (ich habe überhaupt innerhalb von ein paar Wochen gegründet, daher musste alles schnell gehen) wurde mir klar:
Es reicht nicht, einfach da zu sein – die Leute müssen auch wissen, dass es dich gibt.

Also habe ich angefangen, aktiv auf Menschen zuzugehen.

Vor allem – und das ist anscheinend etwas, was die meisten nicht mehr machen - auf meine Kollegen in der näheren Umgebung: Die Hausärzte, Gynäkologen/Urologen, Kinderärzte… besonders natürlich die Fachrichtungen, mit denen ich im Alltag interagiere und die mir Patienten überweisen. Das war mir wichtig, besonders weil eine gute interdisziplinäre Zusammenarbeit und Kollegialität so viel wert ist und den Alltag leichter und schöner machen kann. Ich bin persönlich hingegangen, habe mich vorgestellt, habe Gespräche geführt – und das war gut investierte Zeit mit großer Resonanz, gleichzeitig habe ich mitbekommen, wie schlecht es in der Vergangenheit ankam, wenn Kollegen das nicht gemacht haben, die sich in der Umgebung niedergelassen hatten.

Zusätzlich habe ich Visitenkarten drucken lassen, Eröffnungskärtchen gestaltet und diese gezielt verteilt an den Orten, die von meinen zukünftigen Patienten frequentiert werden, zum Beispiel Apotheken, Friseure und Kosmetikstudios. Denn das sind genau die Orte, an denen Menschen über ihre Haut sprechen und wenn Dich dort jemand kennt, kann er Dich weiterempfehlen. Das klingt simpel – ist aber extrem effektiv. Nicht wenige meiner ersten Patienten hatten mein Kärtchen in der Apotheke mitgenommen.

 

Netzwerk ist mehr als „Kontakte sammeln“

Was ich in dieser Phase gemerkt habe: Es geht darum, Beziehungen aufzubauen. Wenn eine Kosmetikerin dich kennt und weiß, wo und vielleicht auch schon wie Du arbeitest, dann wird sie Dich guten Gewissens empfehlen. Und genau das macht am Anfang einen riesigen Unterschied.

 

Klassische Wege funktionieren auch

Neben dem persönlichen Netzwerk habe ich auch klassische Dinge gemacht: Anzeige im lokalen Anzeiger, Ankündigung der Praxiseröffnung, Planung eines kleinen Events.

Ich habe mich für eine Art „Tag der offenen Tür“ entschieden, kombiniert mit einem kurzen Impulsvortrag zur Hautkrebsvorsorge. Warum? Weil es niedrigschwellig ist.

Die Leute können einfach hereinspazieren, die Praxis sehen, dich kennenlernen und Vertrauen aufbauen, ohne gleich „Haut zu zeigen“. Es kamen nicht viele, aber die, die kamen, haben gleich einen Termin vereinbart.

 

Die zweite große Frage: Schaffe ich das alleine?

Ein anderes Thema, das mich lange beschäftigt hat:
Brauche ich wirklich eine Mitarbeiterin? Ich habe ernsthaft überlegt, komplett alleine zu starten. Kleiner Raum, überschaubares Setting und keine Verantwortung für noch mehr andere Menschen. Aber je mehr ich darüber nachgedacht habe, desto klarer wurde mir, dass ich doch jemanden brauchen werde. Und dieser Gedanke sollte sich später als sehr wahr herausstellen. 

 

Die Wahl der richtigen Person beziehungsweise Persönlichkeit

Wenn Du neu gründest, hast Du einen riesigen Vorteil: Du kannst selbst auswählen, mit wem du dich tagtäglich umgibst. Und das solltest Du auch bewusst tun.

Meine Tipps dazu: Triff Dich außerhalb der Praxis, geh zusammen Kaffee trinken und rede ganz offen miteinander, was du erwartest und dir vorstellst, und auch was dir wichtig ist. Du verbringst später sehr viel Zeit mit dieser Person und da zählt nicht nur Kompetenz, sondern auch und vor allem Vertrauen, Sympathie und dass man als Persönlichkeiten gut harmoniert – denn wir haben alle unsere Macken und Eigenheiten. Und wenn das nicht gut zusammenpasst, wird der Alltag unter Umständen sehr, sehr unangenehm.

Deshalb: Bau Vertrauen auf und lass dir so viel wie möglich vom anderen erzählen, bevor du dich für diese weitreichende Liaison entscheidest. Du heiratest schließlich auch nicht nach dem Speed-Dating (hoffentlich).


Mein blinder Fleck

Ein Punkt, über den ich vorher überhaupt nicht nachgedacht habe:
Was passiert, wenn Mitarbeiter aus deiner alten Praxis zu Dir wollen? Für mich war das intuitiv ganz klar: Jeder Mensch trifft seine eigenen Entscheidungen und es ist nicht meine Sache, sondern ihre – wir sind ja alle freie Menschen, gottseidank. Und gerade in großen Strukturen dachte ich, dass das doch erst recht gar nicht ins Gewicht fällt. 

In der Realität war es anders: Als sich tatsächlich eine ehemalige Kollegin für den Wechsel zu mir interessiert hat, hat das – als es rauskam – zu großem Unmut bei meinen ehemaligen Chefs geführt, die ich zudem wirklich gerne habe. Und das hat mich in dieser sowieso stressigen Zeit emotional sehr aufgewühlt. Ich habe daraus gelernt: Das ist kein rein persönliches Thema – das ist auch ein sehr sensibles berufliches Thema. Ich würde heute auch von meiner Seite aus zeitnah und aktiv das Gespräch suchen, ganz offen. Nicht, weil man etwas falsch macht – sondern weil es hilft, Missverständnisse zu vermeiden. Am Ende konnte bei mir alles geklärt werden und ich habe immer noch ein freundschaftliches Verhältnis und zudem eine gute Mitarbeiterin, die bei mir eine Rolle hat, in der sie sich gut entfalten kann. Aber durch meine anfängliche Blindheit war es emotional aufreibender als nötig für alle Beteiligten. 

Ich habe etwas daraus gelernt und das ist ja die Hauptsache. Weil Fehler passieren nun mal im Leben.

 

Und dann wird es plötzlich real

Irgendwann ist es dann soweit:
Der erste Arbeitstag steht im Kalender.

Und du merkst:
Jetzt gibt es kein Zurück mehr.

Ich habe mich bewusst entschieden, vorher noch eine Woche mit meinen Lieben in den Urlaub zu fahren. Das war einerseits übermütig, weil ich trotzdem jeden Tag Dinge aus der Ferne regeln musste. Aber es war auch extrem wichtig: Denn bei all den Planungen, dem Stress und den vielen großen Entscheidungen darf man eines nicht vergessen: Warum man das alles macht.

Für mich sind das ganz klar die Menschen, die ich liebe und die Zeit, die ich mit ihnen in diesem Leben verbringen darf. Und genau deshalb war diese Woche vor dem Start für mich wunderbar und alles wert.

 

Fazit

Die letzten Wochen vor der Praxiseröffnung sind keine rein organisatorische Phase, sondern eine sehr emotionale Phase mit Zweifeln, Entscheidungen und vielen ersten Malen (ach ja, hier gleich angemerkt: Nach dem Start kommen noch so viele weitere erste Male, das glaubt man nicht… ☺).

Meine wichtigsten Learnings in der Phase vor dem ersten Tag: 

Warte nicht darauf, dass dich jemand findet, sondern mach dich schamlos sichtbar (das ist auch eine gute Übung fürs Selbstbewusstsein).

Und unterschätze nicht, wie wichtig die Menschen sind, mit denen du arbeitest und dich umgibst, denn am Ende entscheidet genau das darüber, wie sich dein Alltag anfühlt.

Im nächsten Blog dürft ihr dabei sein, wie ich zum ersten Mal die Tür meiner eigenen Praxis schließe und wie sich das für mich angefühlt hat.

 

Eure Jasmin!