In den Sommermonaten weiß jeder Dermatologe, was auf ihn zukommt. Deutlich weniger Laserbehandlungen und Operationen, dafür bleibt es aber nicht langweilig und es kommen so einige interessante Fälle in die Praxis – das Rätselraten beginnt. Durch diverse Aktivitäten wie Schwimmen, Sonnenbaden und andere Umwelteinflüsse ergeben sich oft saisonspezifische Differentialdiagnosen, die man bedenken sollte. Aufschluss darüber gibt vor allem die Anamnese, häufig in Kombination mit der passenden Klinik/den passenden Symptomen.
Der häufigste Notfall im Sommer ist sicherlich der Bienen- oder Wespenstich. Im Gras am Baggersee oder Freibad einmal falsch aufgetreten oder im Biergarten die kleinen Tiere in Essens- und Getränkenähe gereizt, schon hat sich der Stich schneller ereignet, als man reagieren kann. Wohl dem, der nur Schwellungen und Schmerzen davonträgt. Bei einer Allergie sieht die Sache schon komplizierter aus und es sollte schnell gehandelt werden. Sobald systemische Beschwerden wie Atemnot, Kloßgefühl im Hals, Magen-Darm-Beschwerden o.Ä. auftreten, sollte schnell Hilfe geholt werden und am besten die dermatologische Notaufnahme aufgesucht werden. Eine Behandlung mit Cortison, Antihistaminika oder sogar Adrenalin ist im Notfall indiziert. Im Verlauf sollte unbedingt mit ausreichend Abstand ein Allergietest auf spezifisches IgE durchgeführt und ein Notfallset verordnet werden, sodass bei Wiederholung selbst gehandelt werden kann.
Ein weiterer häufiger „Sommerbefund“ ist natürlich die klassische Dermatitis solaris, im Volksmund Sonnenbrand genannt. Auch wenn die Awareness für UV-Strahlung und Sonnenschäden in der Bevölkerung schon deutlich gestiegen ist, bleiben Sonnenbrände nicht aus. Viele vergessen doch mal nachzucremen, unterschätzen die restliche UV-Strahlung unter einem hellen Sonnenschirm, die Mittagssonne oder Reflektionen von Wasser. Wir kennen alle die klassischen Hausmittel bei einem Sonnenbrand wie Quark, Aloe Vera und Co. Doch Warnzeichen für eine tiefere Verbrennung sind Blasenbildung (Verbrennung 2. Grades) oder systemische Symptome wie Fieber, Kopfschmerzen, Übelkeit und Schwindel. Hier muss besonders bei Kindern auf Flüssigkeitsausgleich durch den Verlust geachtet werden.
Auch ein Aufenthalt in der Natur oder am See kann für die Patienten Folgen und für uns spannende Befunde davontragen. Ein häufiger Befund mit Dermatitis und Juckreiz an den nicht mit Kleidung bedeckten Körperarealen von Personen, die sich unter Bäumen aufgehalten haben, lässt auf den Eichenprozessionsspinner schließen. Hier können zusätzlich eine Rhinitis oder auch ein Asthma auftreten. Denn die feinen Härchen des Eichenprozessionsspinners werden durch den Wind verteilt und landen auf Haut und Schleimhäuten. Zum Glück wird inzwischen an bekannten Stellen mit Schildern vor dem Eichenprozessionsspinner gewarnt!
Bei hohen Temperaturen ist der Sprung ins kühle Nass eine Erlösung – hier lauert allerdings oft auch die nächste Dermatose, die Zerkariendermatitis. Diese wird auch „Swimmer‘s Itch“ genannt, da sie nach dem Baden im See oder Gewässern auftritt – und dies oft nicht nur bei einer Person, sondern bei mehreren, die im gleichen Gewässer schwimmen waren. Diese entsteht durch Saugwurmlarven, der Mensch ist allerdings Fehlwirt und die Larven sterben ab. Daher ist auch hier eine symptomatische Therapie ausreichend.
Auch sehr häufig im Sommer, allerdings nicht immer vorstellig in der Dermatologie, sind Patienten mit Zeckenstichen. Viele entfernen die Zecken selbst und inzwischen tragen auch hier Aufklärungskampagnen und Werbegeschenke wie Zeckenkarten zu einem professionelleren Umgang damit im Haushalt bei. Wenn sich allerdings ein paar Wochen später Rötungen um den einstigen Zeckenbiss bilden, werden die meisten doch vorstellig. Wichtig ist hier, das Risiko einer systemischen Borreliose zu verhindern und das Erythema migrans direkt und schnell mit einer Antibiotikatherapie abzufangen. Die Serologie kann oft noch negativ sein – daher lieber einmal zu viel behandeln als zu wenig.
Ich bin mir sicher, ihr erkennt einige „sommerliche“ Dermatologiefälle wieder und wüsstet so wie ich noch viele weitere hinzuzufügen. Die Dermatologie ist im Sommer zwar etwas weniger händisch und praktisch, aber dafür macht es auch immer Spaß, beim plötzlichen Auftreten der Beschwerden und einigen Notfallsituationen den Patienten direkt helfen zu können – damit diese den Sommer weiter genießen können. Und vielleicht erinnert ihr euch beim nächsten „Sommerpatienten“ ja daran, wie schön die Abwechslung und Diversität in der Dermatologie ist und dass ein bisschen Detektivarbeit mit Anamnesen und Geschichten aus dem Sommer für uns sehr erfrischend sein können!
Eure Kathi
