Trotz Verlockungen wie Wiener Schnitzel und Naschmarkt zog es alle Teilnehmer, Referenten, Veranstalter und Aussteller zur EADV im Austria Center Vienna. Bei wunderschönem Sonnenschein Anfang Oktober verbrachten hier über 20.000 Teilnehmer mehrere Tage von Mittwoch bis Samstag in Wien. Auch wenn das Austria Center architektonisch sehr beeindruckend ist, so verwirrend ist es teilweise, im Innern den gesuchten Vortragsraum oder -saal zu finden. Drum hüte sich, wer während der Session wechseln möchte: Es könnte in einer halbstündigen Wanderung mit anschließender Kapitulation – eine Begebenheit nach einer wahren Geschichte – enden. Nichtsdestotrotz war ich mal wieder begeistert von der EADV und vor allem vom Programm! So breit aufgestellt und international besetzt ist kaum einer der anderen Dermatologie-Kongresse in Europa. Schließlich ist die EADV der größte Dermatologie-Kongress Europas.
Dieses Mal habe ich mich bis auf den Verirrungspatzer akribisch vorbereitet und schlau gehandelt oder bilde es mir zumindest ein – die Sessions, die ich besuchen möchte, habe ich mir im Vorfeld herausgesucht und einen Plan erstellt. Ansonsten gerät man nämlich in Gefahr, sich treiben zu lassen oder in einer Session zu landen, die einen gar nicht so sehr interessiert. Dann fängt man an, hin- und herzuwechseln und wir haben den Salat. Immerhin kann man beim Umherwandern Schritte sammeln und schon mal das Wiener Schnitzel abtrainieren.
Beim ersten Blick auf das Programm erschlägt es einen fast – bis zu 12 Sessions finden hier gleichzeitig statt. Der bunte Blumenstrauß der Dermatologie ist auch hier abgebildet mit Themen der klassischen Dermatologie, Vorträgen zu Operationen und Behandlungen bis hin zu speziellen Themen wie z.B. Genodermatosen. Aufgefallen ist mir, dass auch bei diesem Kongress die Themen der ästhetischen Dermatologie weiter zunehmen und Bereichen wie Longevity mehr Raum eingeräumt wird. Dieses Wort ist aktuell nicht nur allgemein in aller Munde, sondern in der Dermatologie mit dem äußeren Erscheinungsbild und der direkten Kopplung zum Altern mit sichtbaren Merkmalen oder Altershautschäden ganz besonders prägnant. Das Großartige an diesem Kongress – selbst wenn man viele andere Kongresse und Workshops besucht, schnappt man hier immer wieder neue Informationen auf. Wusstet ihr z.B., dass man mit einer frühen Therapie von Narben teilweise direkt nach OP oder bei Fadenzug mit einzelnen Einheiten Botulinumtoxin, gespritzt am Wundrand, Keloide und hypertrophe Narben vermeiden bzw. verhindern kann? Dies würde man natürlich nur bei Patienten mit einer Neigung zu solchen überschießenden Narben durchführen. Und die Therapie bzw. Prävention ist off-label. Dennoch eine tolle Möglichkeit, den Patienten mit oft therapierefraktären Keloiden zu helfen – die überaus dankbar dafür sind.
Mein absolutes Highlight waren die Sessions zur Lasertherapie. Oft sind diese eher trocken und es dreht sich viel um Parameter, Einstellungen usw. Doch diese Vorträge waren sehr nah an der täglichen Praxis orientiert. Es wurde ein eindrücklicher Fall einer Patientin mit einer vaskulären Malformation an der Unterlippe vorgestellt, die derart vergrößert war, dass die Patientin die Unterlippe dauerhaft im Mund verstecken musste, um nicht aufzufallen. Nur beim Essen ließ sie diese entspannt und es zeigte sich das volle Ausmaß. Während andere hier eher operiert oder verschiedene komplizierte Therapien versucht hätten, wurde „nur“ gelasert. Erstaunlich hierbei – und ich kann euch sagen, die Bilder waren wirklich berührend – nach 8 Sitzungen war der Befund schon deutlich gebessert und nach weiteren Sitzungen ging die Größe der Lippe allmählich zurück, bis die Patientin tatsächlich wieder eine „normal große“ Lippe aufwies und in ihrem Sozialverhalten und ihrem Lebensstil nicht mehr eingeschränkt war. Beeindruckend, wenn man sich vorstellt, dass man tatsächlich mit solchen Behandlungen Leben verändern – oder sogar „retten“ kann, auch als Dermatologe. Denn zur Belustigung der anderen Fachgruppen gelten wir allgemeinhin nicht gerade als die Lebensretter unter den Ärzten.
Eine weitere sehr interessante Entdeckung ist, dass eine Behandlung mit einem Fraxel-Laser nicht nur sichtbar zur Hautverjüngung führt, sondern sich tatsächlich auch in Biopsien nach der Fraxel-Behandlung Änderungen der Genexpression gezeigt haben. Die DNA-Methylierung hat sich geändert und die Behandlung hatte einen positiven Einfluss auf die Gene für Anti-Aging. Dies beweist, dass das Lasern und die folgenden Effekte nicht aus Hokuspokus bestehen, sondern ein wissenschaftlicher Hintergrund und Nachweis dahinterstecken. Auch NMSC (non melanoma skin cancer) werden hiermit präventiv behandelt, da die durch den Laser geschädigten Keratinozyten zu einer Freisetzung von IGF-1 führen und damit zu einer Kollagenproduktion und Entzündungshemmung durch Fibroblasten und zur Differenzierung der Fibroblasten. Es geht hier also um mehr als nur Aussehen, eher um eine „Changing Skin Biology“. Bei derart interessanten Facts fiel es mir nicht so schwer, bei strahlendem Sonnenschein und fast 25 Grad in den Vortragssälen zu sitzen. Auch wenn man Richtung Freitagnachmittag die Ausdünnung der Teilnehmer auf dem Kongress und die linear dazu steigende Anzahl der Teilnehmer in ganz Wien wahrnehmen konnte. Immer erkennbar an den Badges um den Hals, die auch zur kostenlosen Nutzung des öffentlichen Nahverkehrs während der Kongresstage berechtigen.
Es gäbe noch so vieles mehr und Spannendes zu berichten – ich schlage vor, ihr blockt euch schon mal den nächsten Termin der EADV in Amsterdam und wir sehen uns dort! Vielleicht macht ihr dann auch ein Foto vor den allseits beliebten EADV-Großbuchstaben, ihr müsst euch nur früh genug dafür anstellen. Oder wir treffen uns in der Industrieausstellung auf einen Kaffee oder beim Get-together am ersten Abend, in Wien mit Bewirtung von typisch österreichischer Küche und Berlinern – pardon, Krapfen – als Nachtisch. Was es wohl in Amsterdam geben wird?
Eure Kathi
