Was wird die erste DiGA (und was heißt das eigentlich)? Erste DiGA in der Dermatologie: Hype oder echte Versorgungslösung?

Die Digitalisierung des Gesundheitswesens ist längst keine Zukunftsvision mehr. Elektronische Patientenakten und Telemedizin prägen zunehmend auch unseren klinischen Alltag. Ein Bereich, der dabei besonders viel Aufmerksamkeit erhält, sind Digitale Gesundheitsanwendungen (DiGAs). Während in anderen Fachrichtungen bereits erste Anwendungen etabliert sind, steht die Dermatologie noch am Anfang ihrer digitalen Transformation.

Skinapy by DermaHealth GmbH

Welche Rolle können DiGAs in der Versorgung dermatologischer Patienten tatsächlich spielen? Manch einer munkelt - „nur ein kurzfristiger Trend“. Oder handelt es sich dabei doch um einen nachhaltigen Baustein moderner Medizin?

Genau darum dreht sich unser Gespräch mit Dr. Frederic Pfeifer, Mitentwickler der dermatologischen DiGA Skinapy. Er postuliert: eine digitale Therapiebegleitung könnte gerade bei chronischen Hauterkrankungen eine wichtige Versorgungslücke schließen. Denn:

 

Die eigentliche Therapie findet zwischen den Arztterminen statt

Wer in der Dermatologie arbeitet, kennt das Problem. Die Diagnose wird gestellt, eine Therapie eingeleitet und der Patient erhält zum Schluss ausführliche Empfehlungen. Anschließend vergehen manchmal Wochen bis Monate, ehe der Patient zum nächsten Kontrolltermin erscheint. In dieser Zeit entscheidet sich jedoch oft, ob eine Behandlung wirklich erfolgreich ist oder eben nicht. „Wir Dermatologen wissen, dass der Therapieerfolg bei vielen chronischen Hauterkrankungen nicht nur von der richtigen Diagnose oder Verordnung abhängt, sondern vor allem davon, was zwischen den Arztterminen passiert“, erklärt Dr. Pfeifer. Genau hier setzen seiner Meinung nach auch digitale Gesundheitsanwendungen an.

Wir erinnern uns: Eine DiGA ist keine gewöhnliche Gesundheits-App. Vielmehr handelt es sich um ein Medizinprodukt, das einen nachweisbaren medizinischen Nutzen beziehungsweise einen positiven Versorgungseffekt zeigen muss. Erst nach erfolgreicher Prüfung durch das Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte (BfArM) kann eine Anwendung in das DiGA-Verzeichnis aufgenommen und von Ärzten verordnet werden. Die Kosten werden anschließend von den gesetzlichen Krankenkassen übernommen. Der Unterschied zu frei verfügbaren Gesundheits-Apps ist erheblich. Während viele Apps Gesundheitsinformationen bereitstellen oder Verhaltensänderungen unterstützen sollen, unterliegen DiGAs strengen regulatorischen Anforderungen hinsichtlich Datenschutz, Informationssicherheit, Qualität und Evidenz.
Als erste Indikation konzentriert sich Skinapy auf Akne vulgaris.

 

Warum Akne vulgaris ein ideales Einsatzgebiet für DiGAs ist

Auf den ersten Blick überrascht diese Wahl möglicherweise. Schließlich stehen für Akne heute zahlreiche wirksame therapeutische Optionen zur Verfügung, von topischen Retinoiden über Antibiotika bis hin zu systemischem Isotretinoin. „Das eigentliche Problem liegt jedoch häufig nicht in den verfügbaren Therapien, sondern in deren konsequenter Umsetzung“, so Dr. Pfeifer.  „Akne vulgaris ist fast ein Paradebeispiel für eine Erkrankung, bei der Therapieerfolg und Therapieadhärenz eng miteinander verknüpft sind.“ Viele Patienten würden ihre Behandlung vorzeitig abbrechen, bewerteten anfängliche Nebenwirkungen falsch oder verlören die Motivation, wenn Verbesserungen nicht unmittelbar sichtbar werden. Hinzu kämen zahlreiche Einflussfaktoren, die in einer klassischen Sprechstunde häufig nur begrenzt thematisiert werden können. Zu diesen gehören bekannterweise:

  • adäquate Hautpflege
  • Umgang mit Trockenheit und Irritationen
  • Ernährung
  • Stressmanagement
  • psychosoziale Belastungen und
  • langfristige Therapie.

Dr. Pfeifer fasst zusammen: Die von seinem Team konzipierte App Skinapy adressiert genau diese Bereiche. Die digitale Anwendung kombiniere Therapieerinnerungen, Wissensvermittlung, Verlaufsdokumentation mittels Fototracking und psychologische Unterstützung. Dabei versteht er die DiGA ausdrücklich nicht als Ersatz für den Dermatologen. „Skinapy soll nicht die ärztliche Behandlung ersetzen, sondern die Therapie strukturiert in den Alltag des Patienten verlängern“, betont er.

 

Patient Education: Der unterschätzte Faktor in der Dermatologie

Ein besonders spannender Aspekt betrifft die Patientenaufklärung. Während enorme Ressourcen in die Entwicklung neuer Medikamente investiert werden, wird die strukturierte Vermittlung von Wissen oft unterschätzt. Dabei zeigt die tägliche Praxis, dass viele Patienten ihre Erkrankung völlig anders wahrnehmen als auch ihre behandelnden Ärzte. Auch hier erklärt der Dermatologe, gerade bei Akne erwarten viele Betroffene schnelle Ergebnisse. Träten diese nicht innerhalb weniger Wochen ein, sinke die Motivation häufig erheblich. „Wissen ist eine Voraussetzung für Verhaltensänderung“, so meint Dr. Pfeifer. Patient Education bedeutet deshalb weit mehr für ihn, als nur die Übergabe eines Informationsblattes. Ziel sei es, Patienten zu befähigen, ihre Erkrankung zu verstehen und aktiv an ihrer Behandlung mitzuwirken. Klar ist: Selbst die wirksamste Therapie kann ihr Potenzial nicht entfalten, wenn sie nicht korrekt angewendet wird.

 

Was eine DiGA leisten kann, was im Praxisalltag oft unmöglich ist

Ob in der dermatologischen Praxis oder in der Ambulanz, Zeit ist ein rares Gut.
Eine ausführliche Edukation und wiederholte Motivationsgespräche sind selten so zeitintensiv möglich (wie gewünscht). Genau hier sieht Dr. Pfeifer die größte Stärke digitaler Anwendungen. Eine DiGA könne Inhalte genau dann bereitstellen, wenn sie für den Patienten relevant werden würden. Skinapy kann daher:

  • an die Medikamenteneinnahme erinnern
  • bei Nebenwirkungen unterstützen
  • Wissen in kleinen Lerneinheiten vermitteln
  • Motivation fördern und
  • Therapiefortschritte sichtbar machen.

Anders als ein einmaliges Gespräch in der Sprechstunde oder ein Flyer könne eine digitale Anwendung diese Inhalte kontinuierlich und individualisiert vermitteln, so der Gründer. Für chronische Erkrankungen könnte dies langfristig ein entscheidender Vorteil sein.

 

Evidenz statt App-Marketing

Einer der wichtigsten Punkte im Gespräch mit Pfeifer ist die wissenschaftliche Evidenz.
Fakt ist, dass digitale Medizin nur dann langfristig Akzeptanz finden wird, wenn sie denselben wissenschaftlichen Ansprüchen genügt wie andere medizinische Innovationen. Aus diesem Grund wurde Skinapy nicht als klassische Gesundheits-App entwickelt, sondern von Beginn an wissenschaftlich begleitet.

Gewählt wurde ein randomisiert-kontrolliertes Studiendesign mit Interventions- und Kontrollgruppe. Insgesamt wurden dabei mehrere Studienzentren in Deutschland eingebunden, darunter universitäre Einrichtungen und dermatologische Schwerpunktzentren. Zu den erhobenen Parametern gehören unter anderem:

  • Anzahl entzündlicher Akneläsionen
  • Lebensqualität
  • Therapieadhärenz
  • Patientenzufriedenheit
  • Sicherheitsaspekte

Der primäre Endpunkt der Studie ist die Reduktion entzündlicher Akneläsionen. Ein solches Studiendesign verdeutlicht, wie hoch die Anforderungen an moderne DiGAs mittlerweile sind. „Wenn wir als Dermatologen eine digitale Anwendung verordnen sollen, muss sie denselben wissenschaftlichen Anspruch erfüllen wie andere medizinische Interventionen“, so Dr. Pfeifer. Viele Laien unterschätzen den regulatorischen Aufwand hinter einer DiGA. Tatsächlich beginnt die Entwicklung nicht mit der Programmierung einer App, sondern mit einer Vielzahl regulatorischer Prozesse. Dazu gehören unter anderem Medizinprodukte-Zertifizierung und besagte klinische Studien. Es gilt somit, die hohen BfArM-Anforderungen zu erfüllen. Die App Skinapy ist bereits als Medizinprodukt zertifiziert. Aber einmal programmiert, besteht die Herausforderung dabei nicht nur darin, wissenschaftlich belastbare Daten zu generieren, sondern diese auch mit einer hohen Nutzerfreundlichkeit zu verbinden. Dr. Pfeifer erklärt: „Die beste wissenschaftliche Idee bringt wenig, wenn Patienten sie im Alltag nicht nutzen. Umgekehrt reicht eine hohe Nutzerfreundlichkeit nicht aus, wenn die Evidenz fehlt.“ Genau diese Balance dürfte künftig über den Erfolg digitaler Medizinprodukte entscheiden.

 

Warum wissenschaftliche Kooperationen entscheidend sind

Auffällig in der Studienkonzeption ist die enge Zusammenarbeit mit universitären und spezialisierten dermatologischen Zentren. Für Dr. Pfeifer ist dies ein zentraler Erfolgsfaktor. Gerade bei neuen Versorgungskonzepten sei wissenschaftliche Glaubwürdigkeit essenziell. Multizentrische Studien verbesserten seiner Meinung nach nicht nur die Aussagekraft der Ergebnisse, sondern erhöhten auch die Akzeptanz innerhalb der Fachwelt. Erst dadurch würden unabhängige Bewertungen möglich. 
Dr. Pfeifer ist nicht nur in der Praxis als Arzt tätig, sondern auch Gründer. Das zeigt (uns) auch: die Zukunft digitaler Medizin wird nicht allein von Start-ups oder Technologieunternehmen gestaltet. Projekte wie Skinapy entstehen zunehmend an der Schnittstelle zwischen klinischer Forschung UND praktischer Dermatologie UND technologischer Entwicklung.

 

Aber... wer bezahlt eigentlich eine DiGA?

Wie im vorherigen Blog-Artikel bereits erklärt: auch die Finanzierung unterscheidet DiGAs von herkömmlichen Gesundheits-Apps. Nach erfolgreicher Aufnahme in das DiGA-Verzeichnis können Ärzte die Anwendung verordnen. Die Kosten werden von den gesetzlichen Krankenkassen übernommen. Dadurch soll ein niedrigschwelliger Zugang für Patienten entstehen. Für das Team um Skinapy bedeutet das auch, dass die Erstattungsfähigkeit eine besondere Verantwortung nach sich zieht. „Wenn eine Anwendung erstattet wird, muss sie einen nachweisbaren Nutzen liefern“, betont Dr. Pfeifer. Und genau deshalb spielen Studienqualität und regulatorische Standards eine so zentrale Rolle. Wer erwartet, dass digitale Anwendungen den Dermatologen ersetzen werden, dürfte enttäuscht werden. Dr. Pfeifer sieht die Zukunft nicht in einer rein digitalen Medizin. „Ich glaube nicht, dass die Zukunft digital oder analog sein wird. Sie wird hybrid sein.“ Seiner Meinung nach bleibt die ärztliche Expertise dabei unverzichtbar. Die entscheidende Frage der kommenden Jahre wird daher nicht sein...

 

Ob digitale Versorgungsmodelle Einzug in die Dermatologie halten?

Die entscheidende Frage wird sein, wie diese Technologien sinnvoll eingesetzt werden können. Und gerade auch für uns junge Dermatologen eröffnet sich hier ein spannendes neues Feld. Denn wer heute beginnt, sich mit digitalen Versorgungskonzepten auseinanderzusetzen, wird die dermatologische Versorgung von morgen aktiv mitgestalten können. Zusammenfassend zeigt Skinapy exemplarisch, wie dieser Weg aussehen kann. Und Dr. Pfeifer fasst noch einmal emotional zusammen: „Die spannendere Frage wird sein, wie wir digitale Werkzeuge so einsetzen, dass sie einen echten klinischen Mehrwert schaffen und gleichzeitig die Versorgung effizienter machen.“

Vielen Dank für das Interview.
 
BK