Drei Monate. So lange war ich zu Hause, um mich gezielt auf meine Facharztprüfung vorzubereiten. Ich habe drei Kinder. Und ich habe zuvor Vollzeit in einer großen Praxis gearbeitet, in der der Patientendurchsatz am Ende so hoch war, dass für eines kaum noch Platz blieb: Nachdenken. Nachlesen. Nacharbeiten. Theoretisches Vertiefen nach einem langen Arbeitstag war realistisch gesehen nicht mehr möglich.
Den permanenten Versuch, allem – den Kindern, dem Mann, dem Haus, der Arbeit und dem ganzen notwendigen und gewünschten Drumherum – ansatzweise gerecht zu werden, kennt jeder, der Familie hat und Vollzeit arbeitet. Und manchmal muss man die Umstände zu seinen Gunsten nutzen und alles einmal umreißen. Damit begannen meine drei Monate „purer Lernzeit“ zu Hause – mit den Kids. 😉
Was mir schnell klar wurde: Lernen funktioniert nur mit Struktur – nicht mit Druck. Leicht gesagt mit drei wilden Mädchen in einem Haus, in dem sich der Butterfly Effect täglich aufs Neue bewahrheitet. Also habe ich den unrealistischen Masterplan in den Müll geschmissen und stattdessen einen Rhythmus gesucht, der zu mir und zum Tornado in unserem Alltag passt.
Mein Vorgehen war aufgebaut wie eine mehrstöckige Sahnetorte, die am Ende doch perfekt steht: Zuerst ein solides Fundament – ein umfassendes Fachbuch, ohne Panik darüber, wie viel einem zunächst völlig neu erscheint. Darauf aufbauend immer mehr Detailwissen in Schichten. Und am Ende ein gezielter Rundumschlag, um die letzten Wissenslücken zu schließen.
Konkret hieß das für mich: Zunächst die Duale Reihe Dermatologie durcharbeiten – ausgewählt wegen ihres didaktisch geschmeidigen Aufbaus. Danach folgten das Tausend-Prüfungsfragen-Buch und die Hautarzt-Sonderhefte mit Prüfungsfragen, um gezielt Lücken aufzuspüren und mithilfe verschiedener Lehrbücher zu schließen. Zum Schluss kamen alte Prüfungsprotokolle dazu, um ein realistisches Gespür für das tatsächlich geforderte Leistungsniveau zu entwickeln.
Einmal pro Woche stand außerdem gemeinsames Lernen und Abfragen mit einem Kollegen auf dem Plan. Nicht nur fachlich wertvoll, sondern auch menschlich – sich mit jemandem auszutauschen, der selbst gerade an diesem besonderen Punkt im Leben steht, ist enorm entlastend. Mein Tipp: Macht das nur mit Menschen, mit denen ihr auf einer Wellenlänge seid. Lernt nicht mit jemandem, der euch mit einem schlechten Gefühl nach Hause gehen lässt. So einfach ist das.
Mit Kindern zu lernen ist eine eigene Disziplin. Es gibt keinen richtigen Weg – nur den, der funktioniert. Wer Kinder hat, weiß: Man ist nicht mehr hundert Prozent Herr über sein eigenes Leben. Oft bleibt nur, sich dem Flow zu ergeben und sich von ihm mitnehmen zu lassen. Ich habe mir angewöhnt, die Zeiten kindlicher Abwesenheit diszipliniert zu nutzen und das Lernen dort klar zu priorisieren. Nachmittags und abends hatte ich bewusst keinen hohen Anspruch an meine Lernleistung.
Gerade diese entspannte Haltung hat paradoxerweise dazu geführt, dass ich häufig sogar trotz der Kinder sehr produktiv war – und das Lernen oft richtig genießen konnte.
Denn Lernen heißt nicht, das Leben auf Pause zu setzen. Im Gegenteil: Gerade wenn der Kopf voll ist, hilft es, zwischendurch abzuschalten, zu lachen oder etwas völlig Banales zu tun. Ich habe in dieser Zeit zum Beispiel so viel Kuchen gebacken wie schon lange nicht mehr - und auch den einen oder anderen Event nicht ausfallen lassen.
Am Abend vor meiner Prüfung habe ich mit meinen Kindern „Kevin – Allein zu Haus“ geschaut. Und währenddessen gedacht, wie einfach das Leben manchmal sein kann. Dieses Gefühl von Leichtigkeit habe ich mitgenommen.
Und dann kam er, der große Tag. Man geht dorthin mit vielen Gedanken, Befürchtungen und inneren Bildern. Dabei ist es am Ende auch nur ein neuer Tag, ein neuer Ort und ein paar neue Gesichter. In der Prüfung saßen mir drei Prüfer gegenüber, die mir freundlich Fragen gestellt haben. Eigentlich nicht viel anders als ein normaler Tag in der Praxis: Man untersucht Patienten, denkt nach, ordnet ein und trifft Entscheidungen nach bestem Wissen und Gewissen.
In diesem Moment wurde mir klar: Ich darf hier mit Selbstbewusstsein stehen. Ich habe mich lange auf diesen Tag vorbereitet. Und ich übe diesen Beruf seit Jahren aus.
Was ich aus diesen drei Monaten mitgenommen habe, ist weniger eine Lerntechnik als eine Haltung. Es gibt keinen perfekten Weg durch eine Prüfungsphase – aber es gibt einen, der funktioniert. Lernen muss nicht maximal sein, sondern passend. Und nicht auf Kosten einer schönen Zeit, sondern eingebettet darin.
Ob mit oder ohne Kinder: Es hilft, die Ansprüche an sich selbst realistisch zu halten, Struktur statt Kontrolle zu suchen und Pausen nicht als Schwäche zu sehen, sondern als Voraussetzung dafür, dass der Kopf überhaupt aufnahmefähig bleibt.
Vielleicht ist genau das die wichtigste Erkenntnis: Diese Phase ist kein Stillstand, sondern ein bewusster Abschnitt. Einer, in dem man wachsen darf – fachlich und persönlich. Am Ende geht man nicht nur mit einer bestandenen Prüfung hinaus, sondern mit dem Wissen, sich selbst vertrauen zu können. Und das trägt oft weiter als jeder Lernplan.

