Neugründung oder Praxisübernahme – zwei Wege, zwei Realitäten!
Spätestens wenn der Entschluss zur eigenen Praxis gereift ist, kommt die Gretchenfrage: Neugründung oder Einstieg in eine bestehende Praxis mit dem Ziel der Übernahme? Beide Wege haben ihren Reiz – und beide haben Fallstricke, über die selten ehrlich gesprochen wird.
Die Neugründung: Freiheit ab Tag eins – und sonst erst mal nichts
Die größte Frage ist brutal einfach: Woher sollen die Patienten kommen? Man startet bei null. Kein Patientenstamm, keine eingespielten Abläufe, keine Reputation vor Ort. Alles muss aktiv aufgebaut werden – über Netzwerk, Zuweiser, Online-Präsenz und persönliche Sichtbarkeit. Das kostet Zeit, Energie und oft auch Nerven. Gleichzeitig liegt genau darin der größte Vorteil: Du kannst alles genauso gestalten, wie Du es willst.
- Praxisstruktur
- Abläufe
- Terminmanagement
- Leistungsangebot
- Teamkultur
- Arbeitszeiten
Keine Altlasten, keine „Das haben wir schon immer so gemacht“-Mentalität, keine faulen Kompromisse. Du baust Deine Praxis nach Deinen eigenen Werten auf – medizinisch, wirtschaftlich und menschlich. Finanziell ist die Neugründung zweischneidig:
- Nachteil: Du musst alles selbst investieren – Räume, Ausstattung, Technik, Marketing.
- Vorteil: Du kaufst kein überteuertes Lebenswerk ab. Kein ideeller Praxiswert, kein Kassensitz, keine alten Möbel zum Neupreis.
Gerade bei Privatpraxen verschärft sich die Frage nach den Patienten noch einmal deutlich. Wer neu gründet, muss sich bewusst sein: Die Mehrheit der Menschen ist gesetzlich versichert. In der Dermatologie führt das häufig dazu, dass sich Privatpraxen stärker in Richtung Ästhetik, Selbstzahlerleistungen und High-End-Behandlungen entwickeln. Das kann hervorragend funktionieren – verlangt aber klare Positionierung, Sichtbarkeit und die moralische Bereitschaft, nicht für jeden „leistbar“ zu sein.
Die Praxisübernahme: Sicherheit mit Beipackzettel
Der große Vorteil einer Praxisübernahme ist offensichtlich: Es ist schon etwas da.
- Patienten
- Umsatz
- eingespielte Abläufe
- Personal
- oft ein guter Ruf im Umfeld
Gerade mit Kassenzulassung bedeutet das häufig: Die Praxis ist vom ersten Tag an gut – vielleicht sogar zu gut – ausgelastet. Der Kassensitz wirkt wie ein überdimensioniertes, volles Sparschwein: teuer, aber mit Planungssicherheit verbunden. In beliebten Regionen kann der Kaufpreis problemlos im sechsstelligen Bereich liegen. Das tut weh – lässt sich wirtschaftlich oft rechtfertigen, wenn man die gesicherte Patientenfrequenz berücksichtigt. Man könnte jetzt sagen: Zieh doch dorthin, wo es noch freie Kassensitze gibt. Aber wer durch äußere Umstände – Kinder, Familie, Freunde, Hobbies – an einen Ort gebunden ist, besitzt im Alter der Praxisgründung häufig nicht mehr diese Flexibilität. Das ist schlicht Realität. Wer örtlich noch frei ist: Ob ein Gebiet überversorgt ist oder freie Kassensitze existieren, lässt sich bei der Kassenärztlichen Vereinigung erfragen. Es gibt entsprechende Versorgungsübersichten und Bedarfspläne. Freie Kassensitze sind der Optimalfall – aber leider selten.
Wie entsteht der Kaufpreis einer Praxis?
Der Praxiswert setzt sich aus mehreren Faktoren zusammen. Vereinfacht gesagt orientiert sich die Bewertung häufig am durchschnittlichen Gewinn der letzten zwei bis drei Jahre, multipliziert mit einem regional und fachabhängigen Faktor. Hinzu kommt der materielle Wert der Ausstattung. In der Realität spielt jedoch oft auch ein erheblicher ideeller Wert eine Rolle – besonders bei sehr alten Praxen, deren Einrichtung objektiv nicht mehr zeitgemäß ist, aber subjektiv als „Lebenswerk“ verkauft wird. Hier lohnt sich ein kühler Blick und gegebenenfalls externe Beratung. Die Schattenseiten der Übernahme Was oft unterschätzt wird: Mit der Praxis übernimmt man nicht nur Patienten, sondern auch Strukturen und Menschen.
- Personal, das man nicht kennt
- Teamdynamiken, die man nicht aufgebaut hat
- Arbeitsweisen, die möglicherweise nicht zu einem passen
Man springt von null Personalverantwortung direkt in die Verantwortung für mehrere Mitarbeiter. Ein kleiner, aber wertvoller Tipp: Schau Dir an, wie lange die einzelnen Teammitglieder bereits dort arbeiten. Das sagt oft mehr als jedes Gespräch. Hinzu kommt, dass viele Übernahmemodelle eine Übergangsphase mit dem bisherigen Praxisinhaber beinhalten. Das kann sehr bereichernd sein – oder anstrengend. Besonders dann, wenn es charakterlich nicht passt oder wenn der Senior sich innerlich bereits zurücklehnt, während der „Jungspund“ mit frischer Energie alles trägt.
Modelle der Praxisübernahme
Es gibt nicht die eine Übernahmeform, sondern verschiedene Modelle:
- Klassisch: Einstieg als angestellter Facharzt oder Sicherstellungsassistent mit Übernahme nach etwa drei Jahren
- Junior-Senior-Modell: Früher anteiliger Einstieg in Praxis und Kassensitz mit schrittweiser Übernahme nach individuell vereinbartem Zeitplan
Gerade Junior-Senior-Verträge ermöglichen oft eine schnellere Übernahme, verlangen jedoch klare vertragliche Regelungen und eine offene Kommunikation der Erwartungen auf beiden Seiten.
Unterstützung durch Praxisvermittler
Ein entspannterer Weg kann über Praxisvermittler führen. Diese suchen aktiv passende Praxen, begleiten Gespräche und strukturieren den Prozess. Bezahlt werden sie in der Regel prozentual vom Kaufpreis – meist nur dann, wenn eine erfolgreiche Vermittlung zustande kommt. Wird nichts Passendes gefunden, entstehen häufig keine Kosten. Ein Versuch kann sich also lohnen.
Fazit:
Es gibt keinen richtigen Weg, nur einen passenden Neugründung und Praxisübernahme sind keine Frage von besser oder schlechter, sondern von Persönlichkeit, Risikobereitschaft und Lebensphase. · Willst Du maximale Freiheit und Gestaltung – und bist bereit, Dir alles selbst aufzubauen? · Oder suchst Du Sicherheit, Struktur und einen bestehenden Patientenstamm – und akzeptierst dafür Kompromisse? Beide Wege können erfolgreich sein. Entscheidend ist, dass man nicht romantisiert, sondern realistisch hinschaut – wirtschaftlich, organisatorisch und menschlich. Und sich erlaubt, den Weg zu wählen, der zum eigenen Leben passt – nicht zum Idealbild anderer.
… und davon berichte ich euch in meinen nächsten „Jasmin gründet“-Blogs 😉
Eure Jasmin!
