Drei Monate Selbstständigkeit – Zwischen Prometheus und Sisyphos
Vor ziemlich genau drei Monaten habe ich meine eigene dermatologische Praxis eröffnet.
Seitdem werde ich immer wieder gefragt:
„Und? Wie läuft’s?“
Die ehrliche Antwort?
Ich hatte mir Selbstständigkeit irgendwie anders vorgestellt.
Eher wie unendliche Freiheit.
Geworden ist es zunächst … griechische Mythologie.
Am Anfang fühlte ich mich wie Prometheus.
Ihr erinnert euch vielleicht: Zur Strafe wurde er an einen Felsen gekettet. Jeden Tag kam ein Adler, fraß ihm die Leber heraus. Über Nacht wuchs sie wieder nach. Am nächsten Morgen begann das Spiel von vorne.
Genau so fühlten sich meine ersten Wochen an.
Jeden Abend dachte ich:
“Morgen löse ich endlich die Probleme.”
Und jeden Morgen warteten dieselben Probleme wieder auf mich.
Nicht, weil niemand arbeitete.
Sondern weil jeder erklärte, jemand anders sei verantwortlich.
„Die Software.“
„Die IT.“
„Der Computer.“
„Das Internet.“
„Das Telekommunikationsunternehmen.“
„Der Hersteller.“
„Der Praxisinhaber – ähm ja, das sind Sie.“
Es war ein technisches Pingpong-Spiel, bei dem jeder den Ball elegant weiterspielte – nur leider nie ins richtige Feld.
Ich dachte immer, der schwierigste Teil einer Praxisgründung wären Finanzierung, Patienten oder Bürokratie.
Falsch.
Mein Endboss hatte ein LAN-Kabel
Mein Endboss war die IT.
Oder genauer gesagt: alles, was irgendwie Strom brauchte.
Das Fax wurde aufgebaut.
Angeschlossen wurde es nie.
Das Telefon funktionierte.
Dann funktionierte es nicht.
Dann funktionierte es über eine Umleitung.
Dann funktionierte die Umleitung nicht mehr.
Dann funktionierte gar nichts mehr.
Parallel dazu erklärte mir jede beteiligte Firma mit bemerkenswerter Überzeugungskraft, dass das Problem selbstverständlich nicht bei ihr liege.
Die Software verwies auf die IT.
Die IT auf den Internetanbieter.
Der Internetanbieter auf die Telefonanlage.
Die Telefonanlage auf die Software.
Ich war irgendwann nur noch Zuschauer eines technischen Staffellaufs, bei dem jeder den Staffelstab möglichst schnell an den Nächsten weiter reichte.
Zwischendurch hatte ich kurz überlegt, ob ich nicht einfach meine Kinder aus der Schule nehmen soll und sie überzeugen soll, ein IT-Unternehmen zu gründen. Erster Job: Zwei Konservendosen mit einer Schnur zwischen Praxis und Außenwelt spannen.
Rückblickend wäre die Erreichbarkeit vermutlich zuverlässiger gewesen.
Der Höhepunkt war allerdings mein Urlaub.
Genau in dieser Zeit war meine Praxis zwei Wochen lang telefonisch nicht erreichbar. Haben wir natürlich am Samstag vor dem Abflug ins Ausland bemerkt, es war also nichts mehr zu retten. Ich entschied mich für meine seelische Gesundheit und dafür, das Problem einfach eiskalt zwei Wochen lang zu ignorieren und so zu tun, als ob ich eine telefonisch nicht erreichbare Praxis hätte. Survival Mode on. Zusätzlich beschloss ich, allen Beteiligten ein Ultimatum zu setzen, und zwar schriftlich unter Androhung von harten Konsequenzen.
Das 70.000-Euro-Gerät mit eigener Persönlichkeit
Als hätte IT-Prometheus nicht schon gereicht, beschloss irgendwann auch noch die teuerste Anschaffung meiner Praxis, sich aktiv an meiner Charakterbildung zu beteiligen.
Mein videogestütztes Dermatoskopiesystem.
Anschaffungspreis: rund 70.000 Euro.
Für 70.000 Euro erwartet man eigentlich modernste Medizintechnik.
Mein Gerät hatte andere Pläne.
Gelegentlich lagen Patienten plötzlich quer auf dem Bildschirm.
Manchmal erschienen bunte Streifen, als hätte jemand einen Röhrenfernseher aus den 90ern an Windows angeschlossen.
Und immer häufiger stürzte das System einfach mal ab. Vermutlich wollte es einfach kurz über sein Leben nachdenken.
Die eigentliche Meisterleistung war allerdings nicht das Gerät.
Sondern die Fehlersuche.
Denn erstaunlicherweise lautete die Diagnose der Experten zunächst immer irgendwann nach einigen Stunden Remote-Detektivarbeit:
Ich würde das Gerät vermutlich nicht richtig bedienen.
Irgendwann war ich so weit, dass ich ernsthaft dachte, das Problem müsse wohl bei mir liegen. Vielleicht war dieses Gerät einfach so hochkomplex, dass ich es trotz zweier Doktortitel niemals verstehen würde. Ich entwickelte langsam eine gewisse Ehrfurcht davor, überhaupt noch eine Taste zu drücken. Wer weiß – vielleicht gibt es irgendwo einen Knopf, der den Patienten auf den Kopf stellt, bunte Fernsehstreifen erzeugt und anschließend die Selbstzerstörung einleitet.
Auch dieses Gerät bekam ein Ultimatum.
Zunächst hieß es, das Problem liege bestimmt am WLAN.
Also wurde ein LAN-Kabel quer durchs Zimmer verlegt.
Dann hieß es, es fehle lediglich ein Software-Update.
Nach dem Update war das Problem tatsächlich verschwunden.
Statt gelegentlich stürzte das System jetzt konsequent ab.
Das war immerhin eine Form von Konstanz.
An diesem Punkt hatte ich genug.
Ich erklärte dem Hersteller, dass ich das Gerät zurückgeben würde.
Bemerkenswert war, was dann passierte.
Zwei Wochen lang hatte es geheißen, ein Austausch sei nicht notwendig.
Plötzlich war er sofort möglich.
Irgendwann musste ich den Schalter umlegen
Ich bin grundsätzlich ein Mensch, der erst einmal Verständnis hat.
Ich höre zu.
Ich gebe Zeit.
Ich suche konstruktiv gemeinsam nach Lösungen.
Aber irgendwann hatte ich das Gefühl, dass Verständnis zur Endlosschleife geworden war.
Also setzte ich allen Beteiligten schriftlich ein Ultimatum.
Auch aus Wut und Verzweiflung.
Aber besonders, weil irgendwann Entscheidungen getroffen werden müssen.
Es gab einen klaren Stichtag.
An diesem Tag kam ein Vertreter der Praxissoftware in die Praxis.
Ein Vertreter der IT war ebenfalls vor Ort.
Das Telekommunikationsunternehmen wurde telefonisch zugeschaltet.
Gemeinsam sollten sie endlich die anderen größten Baustellen nach dem Gerät mit der Persönlichkeitsstörung lösen.
Ich hatte ehrlich gehofft, dass jetzt alle Beteiligten gemeinsam die Probleme aus der Welt schaffen würden.
Spoiler:
Taten sie nicht. Nachdem am Abend nach einem langen Tag alle Probleme als gelöst indiziert worden waren, hatte ich innerhalb von 48 Stunden sieben neue Probleme.
Manchmal muss man akzeptieren, dass man ein sinkendes Schiff nicht schneller trockenlegt, indem man höflicher schöpft.
Also zog ich die Konsequenzen.
Mitten im laufenden Praxisbetrieb wechselte ich die IT-Betreuung und meine komplette Praxissoftware.
Ich würde es nicht unbedingt empfehlen.
Aus Prometheus wurde plötzlich Sisyphos
Den ganzen Tag den Stein den Berg hinaufrollen.
Es folgten Wochen durcharbeiten.
Tagsüber Patienten behandeln.
Feierabend und Wochenende: Fortbildung, Kinder glücklich machen, Daten migrieren und die neue Software verstehen lernen.
Nachts manchmal schlafen. Manchmal nicht mal das: Ich war so durch, dass ich manchmal das Blöken der Schafe auf der Weide vor unserem Haus mit den Stimmen meiner Kinder verwechselte, alarmiert aufschreckte und nicht mehr einschlafen konnte vor lauter Gedanken:
Jedes gelöste Problem brachte drei neue Aufgaben mit sich.
Jede Verbesserung deckte die nächste Baustelle auf.
Ich fragte mich oft, ob dieser Berg überhaupt irgendwann endet.
Und dann passierte neulich etwas Merkwürdiges: Der Stein blieb anscheinend oben liegen.
Vor ein paar Tagen schaute ich auf die Uhr.
Ich war fast pünktlich fertig.
Keine Telefonate mit Troubleshooting-Hotlines mehr nötig.
Keine Remote-Fehlersuche im IT Irrgarten.
Keine E-Mails mit Ultimaten auszustellen am späten Abend.
Zum ersten Mal seit Monaten fühlte sich die Praxis einfach nach Praxis an.
Nicht nach Krisenmanagement.
OK, unser Telefon geht immer noch nicht, aber ich habe mich daran gewöhnt, dass es momentan auf mein Handy umgeleitet ist. Man kann nicht alles haben.
Mein Fazit nach drei Monaten
Eine Praxis gründet man nicht mit der Eröffnung.
Man gründet sie jeden einzelnen Tag.
Man kann sich noch so gut vorbereiten.
Es werden Probleme auftauchen, auf die einen niemand vorbereitet.
Der Unterschied liegt nicht darin, ob sie kommen.
Sondern darin, ob man genug Resilienz besitzt oder den Mut hat, konsequent Entscheidungen zu revidieren, wenn nötig.
Optimismus ist manchmal einfach die Entscheidung, den Stein morgen noch einmal raufzurollen.
Oder – wenn nötig – den Berg zu wechseln.
Eure Jasmin Schiessl
