Wenn du deine eigene Praxis gründest, gibt es Entscheidungen, bei denen du relativ entspannt bleiben kannst. Und dann gibt es die, die dich jeden einzelnen Tag begleiten werden.
Die Praxissoftware gehört definitiv zur zweiten Kategorie.
Die Auswahl: Zu viele Meinungen, zu wenig Klarheit
Sobald du dich mit dem Thema beschäftigst, passiert Folgendes:
Jeder hat eine Meinung. Jeder hat eine Empfehlung. Und plötzlich hast du das Gefühl, dass du etwas entscheiden musst, von dem du eigentlich null Ahnung hast – und das ist nicht nur ein Gefühl.
Das ist normal.
Was ich dir aber direkt sagen kann, nachdem ich diesen Prozess selbst durchlaufen musste: Es gibt nicht die „beste“ Praxissoftware. Es gibt aber eine, die zu dir und zu deiner zukünftigen Praxis am besten passt.
Benutzeroberfläche: Unterschätzt – und entscheidend
Am Anfang denkt man, es geht um Funktionen.
In Wirklichkeit geht es um etwas ganz anderes: Wie fühlt sich die Software im Alltag an?
Du wirst jeden Tag damit arbeiten. Stundenlang.
Wenn dich die Bedienung nervt, kostet dich das Zeit, Energie, Fokus und damit am Ende indirekt auch Geld.
Denn eine intuitive Benutzeroberfläche ist kein „nice to have“. Sie ist ein echter Effizienzfaktor.
KI: Kein Zukunftsthema mehr
Was sich gerade wirklich verändert, ist die Integration von künstlicher Intelligenz.
Ich habe mich bewusst für eine Software entschieden, die mir alle modernen Möglichkeiten bietet. Von der KI-Sprechstundenassistenz bis zum KI-Telefonassistenten.
Warum?
Weil das Telefon in jeder Praxis wortwörtlich ein Dauerbrenner ist. Und wenn du wie ich am Anfang nur wenig Personal hast, brauchst du dafür eine Lösung, denn du willst nicht, dass deine wertvolle und dringend gebrauchte MFA nur am Telefon hängt (und trotzdem keiner durchkommt, weil dauernd belegt ist). Der KI-Telefonassistent nimmt Anrufe an, filtert Anliegen und entlastet. Allerdings muss man sagen, dass er bei vielen Leuten nicht gut ankommt, weil sie mit einem echten Menschen kommunizieren wollen – es fühlt sich fake an. Alternativen: AB einschalten und regelmäßig abarbeiten und zurückrufen, KI-Desks und WhatsApp Business. Am Ende des Tages muss man sich sein perfektes System so zusammenschustern, dass man gut genug erreichbar ist und trotzdem nicht ein eigenes Telekommunikationszentrum beschäftigen muss. Eine trickreiche Aufgabe.
Noch spannender finde ich die KI in der Sprechstunde:
Ich kann mich voll auf den Patienten konzentrieren, während die Anamnese im Hintergrund dokumentiert wird. Das verändert die Art, wie man arbeitet. Und ehrlich gesagt: Es macht die Arbeit auch wieder angenehmer. Ich kann mich voll auf meinen Patienten, das Zwischenmenschliche und die Behandlung konzentrieren, und das kommt allen zugute.
Abrechnung: Wie viel nimmt dir die Software ab?
Ein Punkt, den viele unterschätzen:
Wie gut unterstützt dich die Software bei der Abrechnung?
Auch hier gibt es riesige Unterschiede: Von „du machst alles selbst“ bis „die Software denkt mit“ mit Ziffernketten und Abrechnungsvorschlägen.
Gerade am Anfang kann das enorm helfen, Fehler zu vermeiden und schneller zu werden.
Der Kalender: Nur Terminplanung oder auch Marketing?
Ein weiterer entscheidender Punkt ist der Kalender.
Du hast zwei Optionen:
- Integrierter Praxis-Kalender
- Externe Systeme (z. B. mit Patientenakquise)
Ein externer Kalender kann dir aktiv neue Patienten bringen.
Ein interner Kalender ist oft besser integriert und schlanker.
Beides hat seine Berechtigung – du musst wissen, was du willst:
Maximale Kontrolle oder zusätzliche Reichweite.
Schnittstellen: Hier passieren die größten Fehler (und das zieht sich!)
Das ist ein Punkt, den ich dir wirklich ans Herz legen will:
Kläre vorher ganz genau, ob die Schnittstellen funktionieren, die du brauchst. Zum Beispiel: Labor, Pathologie, Geräte (z. B. Total Body Mapping), Bilddokumentation, Ultraschall etc.
Wenn das nicht sauber integriert ist, hast du später doppelte Arbeit, Medienbrüche und richtig viel Frust. Und das ist im Alltag extrem anstrengend.
Cloud vs. lokal: Kurz und ehrlich
Hier die schnelle Einordnung, so wie ich es aus den Gesprächen heraus mitgenommen habe:
Cloud-basierte Software ist oft moderner, absturzresistenter und du benötigst nicht unbedingt eine lokale, alle Daten sichernde und wartungsbedürftige Festplatte. Aber du bist abhängiger von Internet und Anbieter.
Lokale Software bietet dir mehr Kontrolle über die Daten (zumindest vom Gefühl her), du bist unabhängiger vom Internet, aber es ist technisch aufwendiger und fehleranfälliger.
Mein persönlicher Pain Point: IT
Jetzt zu dem Thema, das mich am meisten genervt hat: IT. Und da gebe ich dir ganz klar den Tipp: Sei nicht dumm und vertraue nicht einfach blind dem, was dir aufgetischt wird:
Ich habe Angebote bekommen, die beim nächsten Anbieter nur ein Fünftel (!) gekostet haben.
Warum? Weil viele Anbieter wissen, dass Ärzte sich mit IT nicht gut auskennen.
Typische Fallen:
- Überteuerte Wartungsverträge
- Unnötige Zusatzleistungen
- Komplizierte Systeme, die niemand braucht
Mein Tipp:
- Hol dir mindestens 2–4 Angebote
- Lass dir alles erklären, am besten von jemandem im Freundeskreis, der sich auskennt
- Und vergleiche wirklich genau
Ja, es ist nervig, aber es lohnt sich in diesem Fall ganz besonders, wenn man dann keinen Vertrag unterschreibt, der einen langfristig zur Geißel der IT macht.
Lass dir alles zeigen
Ganz wichtig: Nutze die Möglichkeit von Live-Demos. Lass dir in der Software zeigen, wie eine Anamnese eingegeben wird, wie schnell Dokumentation geht, wie Termine angelegt werden und wie die Abrechnung funktioniert. Und stell so viele Fragen wie möglich und nötig. Vor allem (aus eigener Erfahrung): Welche Schnittstellen sind wirklich integrierbar? Und was kostet extra und wie viel?
Fazit
Die Praxissoftware ist nicht nur ein technisches Detail, sondern sie ist dein tägliches Arbeitswerkzeug und damit letztlich entscheidend für deinen Workflow, deine Effizienz und deine Nerven.
Drum prüfe, wer sich ewig bindet. Denn wenn du hier falsch liegst, merkst du es jeden einzelnen Tag – und wenn du richtig liegst, gottseidank auch.
Im nächsten Blog geht es um die heiße Phase vor dem ersten Tag und, Spoiler, da wirst du dich einige Male fragen, ob das alles die richtige Entscheidung war.
Eure Jasmin!
