Während in der Allgemeinmedizin und Gynäkologie (sowie landeskammerabhängig auch in der Kinder- und Jugendmedizin) der Kurs psychosomatische Grundversorgung Voraussetzung der Facharztreife ist, gilt dies nicht für den Facharzt für Haut- und Geschlechtskrankheiten.¹
Fragt man viele Dermatologen, wollen sie mit diesem »Psycho-Kram« lieber nichts zu tun haben. Doch was ist das überhaupt: psychosomatische Grundversorgung? Und betrifft das uns als (angehende) Dermatologen denn überhaupt (nicht)?
Die Deutsche Gesellschaft für Psychosomatische Medizin und Ärztliche Psychotherapie (DGPM) e.V. definiert die psychosomatische Grundversorgung (PSGV) wie folgt (haltet durch, nach dem Absatz wird es spannender): »In der PSGV steht die Ärztin-Patientin-Beziehung im Mittelpunkt. Durch Psychoedukation und Erläuterung von Zusammenhängen soll das subjektive Krankheitsmodell von Patient*innen erweitert und die Selbstwirksamkeit erhöht werden. Eine Ärztin-Patientin-Beziehung mit Anteilnahme und Annehmen bzw. Würdigung des Leids, Ermutigung und Fürsorge kann heilsam sein und korrigierende Beziehungserfahrungen für Patient*innen und eine effektivere Psychohygiene für Ärzt*innen ermöglichen.«² Demnach ist die PSGV nicht nur wichtig und vorteilhaft für Patient*innen und deren Gesundheit und Krankheitsbewältigung, sondern auch für uns als Behandelnde.
In Zusammenarbeit mit anderen Fachgesellschaften haben die DDG und der BVDD 2018 die S1-Leitlinie »Psychosomatische Dermatologie (Psychodermatologie)« veröffentlicht. Diese »[…] beschäftigt sich mit Hautkrankheiten, bei denen psychosoziale Ursachen, Folgen oder Begleitumstände einen wesentlichen und therapeutisch bedeutsamen Einfluss haben. Dermatosen werden in dieser Hinsicht unter einem bio-psycho-sozialen Modell ganzheitlich/systemisch gesehen.«³
Ich denke, gerade in der Dermatologie sollte man psychosomatisch und psychiatrisch aufmerksam sein:
In der Population der dermatologischen Patienten finden sich bei etwa 30 % psychische Komorbiditäten im Gegensatz zu 4 % in der Allgemeinbevölkerung.⁴, ⁵ Hier spielen neben der Belastung durch die Erkrankung und Therapie selbst auch weitere Faktoren eine Rolle. Wichtig zu benennen sind das soziale Umfeld der Patienten und andere psychische Faktoren.⁴ In einer Studie von Silva et al., die auf dem EADV Kongress 2025 in Paris vorgestellt wurde, zeigte sich: »Je stärker die Hautkrankheit den Alltag beeinträchtigte, desto häufiger traten Depressionen und Ängste auf. Der Einfluss der Hauterkrankung erklärte dabei einen deutlich größeren Teil der psychischen Belastung als Alter, Geschlecht oder andere Krankheitsmerkmale.«⁴
Juckreiz, Schlafstörungen, Brennen der Haut, sichtbare Hautläsionen, soziale Stigmatisierung, Einschränkungen in Alltag, Sport, Beruf und Sexualleben – viele mit der Erkrankung einhergehende Symptome und Belastungen reduzieren die Lebensqualität der Patienten und können zu einem hohen Leidensdruck und psychosomatischen und psychiatrischen Beschwerden führen oder diese verschlimmern. Bei chronischen Erkrankungen wie Psoriasis und Neurodermitis wird daher schon lange der Dermatologische Lebensqualitäts-Index (DLQI) erhoben und gilt als ein mögliches subjektives Kriterium für die Indikation der Systemtherapie.⁷, ⁸
Einige dermatologische Erkrankungen sind sogar mit einem erhöhten Risiko für Suizide vergesellschaftet, u.a. Akne, idiopathische Urtikaria, Psoriasis und Neurodermitis.⁶
Nicht zu vergessen ist übrigens auch die Belastung durch eine Melanomerkrankung. Auch hier und bei der Hidradenitis suppurativa fand eine große Metaanalyse ebenfalls einen Zusammenhang mit einem erhöhten Suizidalitätsrisiko.⁹ Hier gilt übrigens weiterhin, bei Verdacht offen ansprechen!
Versetzt man sich einmal in die Patienten hinein, kann man die Belastung schnell nachvollziehen. Ekzeme an den Beugen, welche durch Schwitzen beim Sport brennen; Kommentare der Mitschüler/Kollegen zu sichtbaren Hauterkrankungen; schmerzende Abszesse in der Genitalregion, derer man sich während der Intimität mit anderen nicht nur schämt, sondern die durch Schmerz auch körperlich einschränkend sein können; chronische oder lebensbedrohliche Erkrankungen – das alles kann extrem belastend sein.
Und auch umgekehrt verstärken sich die Symptome: dermatologische Erkrankungen verschlimmern sich häufig durch psychosoziale Stressfaktoren.⁶
Mein Fazit: Die psychosomatische Grundversorgung betrifft uns sogar besonders in der Dermatologie!
Patienten mit diesen Erkrankungen benötigen also manchmal nicht nur ein neues Rezept oder einen Pflegetipp, sondern oftmals auch ein offenes Ohr, ein verständnisvolles Auftreten und ein Stück weit Mitgefühl und Fürsorge. Die Beziehungsarbeit ist bereits Teil der Therapie. Ob man dazu bereit ist, hängt von der persönlichen Einstellung und natürlich auch den äußeren Umständen wie Zeitdruck und der persönlichen Verfassung ab.
Ist man prinzipiell offen für eine Erweiterung der Versorgung im Sinne der psychosomatischen Grundversorgung, kann man sich zum Beispiel anhand der oben genannten Leitlinie weiterbilden oder einen Kurs mit dem Curriculum der psychosomatischen Grundversorgung belegen. Der Vorteil des Kurses besteht neben der umfangreichen Schulung auch in der z. T. möglichen Abbildbarkeit der zusätzlichen Leistung über Zusatzziffern in der Abrechnung. Zu den Voraussetzungen sollte man sich bei der jeweiligen Landesärztekammer informieren. Im Gebiet der Ärztekammer Nordrhein gehören zu den verpflichtenden Kursinhalten 80 Stunden, welche sich in 20 Stunden Theorie zur Psychosomatik von Krankheitsbildern, 30 Stunden verbale Interventionstechniken: Gestaltung der Arzt-Patienten-Beziehung und Gesprächsführung sowie 30 Stunden in Balintgruppen aufteilen.¹⁰, ¹¹
Die Balintgruppe dient vor allem dem Aufarbeiten der Arzt-Patient-Beziehung durch Erzählen persönlicher (belastender) Erfahrungen und dem Feedback und Austausch mit anderen und der Gruppenleitung. Der Arzt wird hierbei als eines der wichtigsten »Medikamente« des Patienten gesehen.¹² Diese Gruppen können auch separat und bei Bedarf immer wieder wahrgenommen werden. Insbesondere, wenn einen der Umgang mit manchen Patienten oder die Verarbeitung zwischenmenschlich oder medizinisch fordernder Fälle belastet, kann man hier in sicherem Rahmen über Erlebtes sprechen und sich so manche wertvolle Erkenntnis erarbeiten.
Ich habe diesen Kurs bislang nicht absolviert, spiele jedoch schon lange mit dem Gedanken. Insbesondere im letzten Weiterbildungsjahr bemerke ich, dass durch höhere Souveränität in dermatologischen Themen auch mehr Luft für das Zwischenmenschliche oder Begleitende bleibt. Da ich persönlich zu einer eher mitfühlenden Art neige, sehe ich für mich in diesem Kurs auch eine Chance, bessere Ressourcen zu entwickeln, um Patienten zu unterstützen und mich gleichzeitig besser abgrenzen zu können.
Seht ihr für euch oder für eure Patienten den Bedarf einer psychosomatischen Grundversorgung in der Dermatologie? Wenn ja, wie handhabt ihr das im Patientenkontakt?
Eure Cora
Quellen:
- https://www.bundesaerztekammer.de/fileadmin/user_upload/BAEK/Themen/Aus-Fort-Weiterbildung/Weiterbildung/20260703_Muster-Weiterbildungsordnung_MWBO_.pdf
- https://www.dgpm.de/ueber-das-fachgebiet/psychosomatische-grundversorgung/
- https://register.awmf.org/assets/guidelines/013-024l_S1_Psychosomatische_Dermatologie_2018-05.pdf
- Silva, N. et al., Patient-Reported Impact of Dermatological Diseases and Mental Health, EADV Kongress 9/2025, https://s3.eu-central-1.amazonaws.com/m-anage.com.storage.eadv/abstracts_congress_2025/55767.pdf
- Gupta MA, Gupta AK, A practical approach to the assessment of psychosocial and psychiatric comorbidity in the dermatology patient, Clinics in Dermatology, Volume 31, Issue 1, 2013, Pages 57-61, ISSN 0738-081X, https://doi.org/10.1016/j.clindermatol.2011.11.007.
- Gupta MA, Pur DR, Vujcic B, Gupta AK. Suicidal behaviors in the dermatology patient. Clin Dermatol. 2017 May-Jun; 35(3):302-311. doi: 10.1016/j.clindermatol.2017.01.006. Epub 2017 Jan 23. PMID: 28511829.
- https://www.psoriasisnetz.info/fileadmin/Media/PDF/Downloads_Patienten/DLQI-Fragebogen_mit_Auswertung.pdf
- https://register.awmf.org/assets/guidelines/013_D_Dermatologische_Ges/013-027check-jugend-erwachs_S3_Atopische-Dermatitis-AD-Neurodermitis-atopisches-Ekzem_2026-07.pdf
- Hrvatin Stancic B, Henning MAS, Eriksen N, Emilie Dornonville de la Cour J, Saunte DML, Jemec GBE. Completed suicide in patients with skin disease: A systematic review and meta-analysis. J Eur Acad Dermatol Venereol. 2026 Jan;40(1):46-58. doi: 10.1111/jdv.20609. Epub 2025 Mar 17. PMID: 40091608; PMCID: PMC12723575.
- https://www.aekno.de/fileadmin/user_upload/aekno/downloads/2020/wbo/wbo-nordrhein-2022.pdf
- https://www.app-koeln.de/weiterbildung/psychosomatische-grundversorgung/
- balintgesellschaft.de/arbeitsfelder/balintgruppenarbeit
