...oder: warum Vielfalt und Mut unser Fach stärker machen Ungewöhnliche Wege in die Dermatologie...

James Joyce soll gesagt haben: „Der längste Umweg ist der kürzeste nach Hause.“ Karrierebezogen bedeutet das: Lebensläufe verlaufen nicht immer linear. Aber was heißt überhaupt Karriere? Lest selbst.

Ich bin Benjamin und arbeite aktuell als Assistenzarzt in einem großen MVZ in Düsseldorf. Ich befinde mich im letzten Weiterbildungsjahr und habe mich ganz bewusst für die ambulante Dermatologie entschieden, ein Fach, das für mich medizinische Exzellenz, chirurgisches Handwerk, Langzeitbetreuung und Innovation auf einzigartige Weise verbindet. 

Mein eigener Weg in die Medizin war dabei alles andere als linear: Vor meinem Medizinstudium habe ich Wirtschaftsingenieurwesen studiert, selbst gegründet und einem weiteren Startup als Regulatorik-Experte geholfen. Gemeinsam im Team haben wir unter anderem eine Triage-App für die Augenheilkunde entwickelt und ein anderes Startup auf dem Weg zur Zulassung als Medizinprodukt begleitet. 

Heute engagiere ich mich im BVDD im Bereich Digitales und Innovationen sowie bei der AG JuDerm als Blogger. Ich bin überzeugt: Wenn wir Ärztinnen und Ärzte Digitalisierung nicht aktiv mitgestalten, wird sie über uns hinweg entschieden. Mein Forschungsschwerpunkt an der RWTH Aachen liegt deshalb im Bereich Medizinprodukte und Smart Textiles. Das ist ein klassisches Querschnittsfeld zwischen Medizin, Technik und Versorgungspraxis. In diesem Bereich unterrichte ich auch und freue mich, Wissen weiterzugeben, das die Versorgungslandschaft von morgen mitprägt. 

Vor diesem Hintergrund interessiere ich mich besonders für Kollegen, die auch ungewöhnliche Wege in die Dermatologie gegangen sind. Denn genau diese Biografien zeigen, wie wertvoll ein Perspektivwechsel für unser Fach sein kann. 

In diesem Beitrag möchte ich zwei solcher Wege vorstellen. Und bewusst im Originalton der Interviewfragen bleiben, um die Stimmen von Jasmin und Charlotte unverfälscht wirken zu lassen. 

 

Teil I: Von der Kunst in die Medizin - Interview mit Charlotte Petersen 

„Hallo, Charlotte kannst du deinen beruflichen Werdegang kurz skizzieren?“ 

Charlotte Petersens Antwort zeigt, wie weit der Weg in die Dermatologie manchmal sein kann: „Ich habe einen Bachelor in internationalem Kulturmanagement in Freiburg und einen Master in Kunstmanagement in Maastricht absolviert. Mein Schwerpunkt lag dabei immer bei der zeitgenössischen Kunst, so dass ich Dutzende meist unbezahlte Praktika in verschiedensten Museen gemacht habe und im Anschluss in einem Kunstverein und einem Kunstmuseum als Pressesprecherin tätig war.“ Nach mehreren Jahren in der Kunstwelt folgte eine klare Zäsur für Sie: „Nach ein paar Jahren habe ich die Entscheidung gefasst, meine Karriere komplett umzukrempeln und habe mich nach kurzer Selbstständigkeit für Medizin eingeschrieben.“  

Bemerkenswert ist dabei ihre Konsequenz und zwar von Beginn an:  

„Dermatologie hat mich von Anfang interessiert, sodass ich auch im Studium alles darauf ausgerichtet habe: Pflegepraktikum, Famulatur, Nebenjobs, PJ, Doktorarbeit – alles in der Derma. Heute arbeitet sie nach Examen, Familiengründung und Weiterbildungsbeginn in einer dermatologischen Praxis. 

„Was hat dich aus der Welt der Kunst in die Welt der Medizin geführt?“ 

Charlotte beschreibt sehr offen die Kehrseite einer Branche, die nach außen oft glamourös wirkt: „Viele finden die Kunstwelt wahrscheinlich super cool, aber die Arbeitsbedingungen sind elitär und prekär zugleich. Schlechte Bezahlung, befristete Verträge, hohe Mobilität und Arbeiten zu Zeiten, in denen andere frei haben, waren Alltag für Sie. Und das für einen sehr kleinen Teil der Gesellschaft. Dem stellt sie einen zentralen Wert gegenüber: „Ich möchte meine Arbeitszeit in etwas investieren, das allen Teilen der Gesellschaft etwas bringt und nicht nur einer kleinen Bubble. Medizin bedeutet demnach für sie Sinn, Entwicklung und eine konkrete Wirkung: „Ich finde die ständigen Fortschritte in der Medizin unendlich spannend, die tatsächlich neue Erkenntnisse liefern und konkrete Verbesserung der Lebensqualität von Menschen bringen. 

„Gab es Fähigkeiten aus der Kunstwelt, die überraschend gut zu deiner jetzigen Arbeitpassen?“ 

Hier zeigt sich, wie übertragbar scheinbar fachfremde Kompetenzen sind: 

„Für mich ist es die Fähigkeit, komplexe Zusammenhänge einfach zu erklären.“ Charlotte zieht eine Analogie, die jeder aus der Praxis kennt: „So wie man bei einer Führung durch eine Ausstellung teils interessierte Kunstnerds und teils mitgeschleppte Ehegatten vor sich hat, sitzen einem auch in der Praxis Menschen gegenüber, die unterschiedliche Interessen und Vorkenntnisse mitbringen. Touché. Deutlich wird ihre Begeisterung für das Fach: „Am meisten Freude bereitet es, wenn man seinem Gegenüber davon begeistern kann, sich selbst mit der Thematik auseinanderzusetzen – sei es ein Kunstwerk oder die eigene Gesundheit.“ 

„Inwiefern hilft dir ein ‚künstlerischer Blick bei Diagnostik oder Ästhetischer Dermatologie?“ 

„In der Kunst geht es genau wie in der Dermatologie um genaue Beobachtung, gekoppelt an eine Leidenschaft für präzise Bildbeschreibung.“ Ein Gedanke, der tief ins Fach hineinreicht: Oft wird eine dermatologische Diagnose erst klar, wenn man wirklich beschreibt, was man sieht, bevor man interpretiert. 

„War es schwierig, das naturwissenschaftliche Lernen neu zu starten?“ 

Charlotte verneint: „Es war eine völlig andere Art zu lernen als im geisteswissenschaftlichen Studium. Ich fand es nicht schwierig, nur viel. 

„Und wie hat dein Umfeld auf deine Entscheidung reagiert?“ 

Schlagfertig kontert sie: „Eine Museumsaufsicht meinte zu mir: „Toll, weiß steht dir!‘.“ 

„Wo siehst du die Zukunft der Dermatologie?“ 

Charlotte blickt klar nach vorne: „Die Zukunft der Dermatologie sehe ich geprägt durch digitale Bilderkennung, die stumpfe Routine vorfiltert und mehr Effizienz ermöglicht, um persönlicher Beratung und operativer oder apparativer Tätigkeit mehr Raum zu bieten.“ 

 

Teil II: Von der Veterinär- zur Humanmedizin - Interview mit Dr. Dr. Jasmin Schießl 

Jasmins Lebenslauf ist beispielhaft für einen hochgradig interdisziplinären medizinischen 

Werdegang. Ihre Doppelqualifikation, wissenschaftliche Tiefe und klinische Erfahrung 

machen sie deswegen zu so einer besonderen Stimme innerhalb der Dermatologie: 

„Hallo Jasmin, wie war dein beruflicher Weg vom veterinär- zum Medizinstudium?“ 

„Mein Weg war nicht klassisch. Ich hatte ein Abitur von 3,4 und musste deshalb zunächst auf einen Studienplatz warten.“ Über eine Tätigkeit in einer Tierarztpraxis kam sie zur Veterinärmedizin in Wien, und das ohne klassischen NC, über ein Aufnahmeverfahren. Dort lief das Studium hervorragend: „Ich habe in Mindeststudienzeit studiert und wurde von der Studienstiftung des deutschen Volkes gefördert.“ Der Wunsch nach Humanmedizin blieb und wurde Realität: „Ich habe Humanmedizin parallel studiert, mein Veterinärmedizindoktorat abgeschlossen und innerhalb von sechs Jahren Humanmedizin beendet. In dieser Zeit sind auch meine drei Kinder geboren.“ 

„Warum hast du den Wechsel gemacht – und warum Dermatologie?“ 

Jasmins Worte treffen den Nagel auf den Kopf: „Ich glaube tatsächlich, dass Humanmedizin eher eine Berufung als nur ein Beruf ist.“ Ihre Entscheidung für die Dermatologie war pragmatisch und lebensnah: „Man sieht schnell Erfolge, man kann sehr konkret helfen, vieles ist sichtbar und gleichzeitig ist es ein kleines operatives Fach.“ 

„Welche dermatologischen Kenntnisse lassen sich aus der Tiermedizin übertragen?“ 

„In der Tiermedizin lernt man, extrem genau zu beobachten, weil man mit seinem Patienten nicht sprechen kann.“ Diese geschulte Wahrnehmung und das systemische Denken (Haut, Stoffwechsel, Immunsystem, Umwelt) prägen auch ihre dermatologische Arbeit. 

„Gab es fachliche Bereiche, in denen du schneller gelernt hast als andere?“ 

Jasmin lacht: „Die Anatomie war für mich praktisch geschenkt.“ Sie beschreibt das Humanmedizinstudium in Teilen als Übersetzungsleistung. Verrückt, wie Wissen ergänzend sein kann. 

„Wie unterscheiden sich Tiermedizin und Humanmedizin im Umgang mit Patienten?“ 

„In der Tiermedizin ist der Ansprechpartner ein gesunder Mensch, der eine Dienstleistung in Anspruch nimmt.“ Sie erklärt weiterhin, dass in der Humanmedizin das Gegenüber selbst hilfsbedürftig ist. Das verändere Haltung, Kommunikation und Verantwortung grundlegend. 

„Welche praktischen Skills konntest du direkt übertragen?“ 

Jasmin wird deutlich: „Ganz klar die manuelle Fingerfertigkeit.“ Hinzu kommen wohl Geduld, Ruhe und Präzision unter erschwerten Bedingungen. Alles Fähigkeiten, die sich direkt in die Dermatologie übertragen lassen. Aber sie betont einen entscheidenden ethischen Unterschied: „In der Veterinärmedizin entscheidet häufig der finanzielle Rahmen darüber, ob eine Behandlung durchgeführt wird. Für sie war es oft schwer auszuhalten, das medizinisch Mögliche nicht umsetzen zu dürfen. 

„Welchen Rat würdest du jemandem geben, der ein zweites Studium erwägt?“ 

„Man sollte sich seine Grenzen nicht zu früh selbst setzen.“ Flexibilität, Kreativität und Gelassenheit seien entscheidender als perfekte Bedingungen. Vieles habe sie am Handy gelernt: im Café, auf dem Spielplatz, nachts. 

Fazit: Warum diese Wege unser Fach stärken 

Diese beiden Biografien zeigen eindrucksvoll: Dermatologie profitiert von Vielfalt. Kunst, Tiermedizin, Technik oder Wirtschaft, all diese Perspektiven erweitern unser Denken, unsere Kommunikation und unsere medizinische Praxis. Für JuDerm bedeutet das: Innovation beginnt nicht nur bei Technologien, sondern bei Menschen, die bereit sind, ungewöhnliche Wege zu gehen. Und genau diese Wege brauchen wir, um die Dermatologie der Zukunft aktiv mitzugestalten.

BKroh