Die ärztliche Weiterbildung steht aktuell im Zentrum gesundheitspolitischer Debatten. Insbesondere die geplante Verkürzung der Weiterbildungszeit im Rahmen der Musterweiterbildungsordnung (MWBO) sorgt für Diskussionen und für deutlichen Widerspruch auch von unserer Seite. Dabei beziehe ich mich auf meine Stimme und erkläre euch heute, warum das aktuelle Positionspapier zur Weiterbildung für die Dermatologie entscheidend ist. Doch wer steckt hinter dem Bündnis Junge Ärztinnen und Ärzte (BJÄ) und welche welche Rolle spielt es für junge Dermatologinnen und Dermatologen? Das schauen wir uns zuerst gemeinsam genauer an:
Wer ist das Bündnis Junge Ärztinnen und Ärzte?
Das Bündnis für Junge Ärztinnen und Ärzte wurde 2013 gegründet und ist quasi ein Zusammenschluss zahlreicher Fachgesellschaften und Berufsverbände, die den ärztlichen Nachwuchs in Deutschland vertreten. Es vereint damit junge Ärztinnen und Ärzte aus den ganz unterschiedlichsten Disziplinen, also von der Inneren Medizin über chirurgische Fächer bis hin zu unserem Fach, die Dermatologie.
Ziel des Bündnisses ist es, die Perspektive von jungen Ärztinnen und Ärzten in gesundheitspolitische Entscheidungen einzubringen. Dabei geht es nicht nur um klassische berufspolitische Themen wie Arbeitszeiten oder Vergütung, sondern vor allem um die Qualität der Weiterbildung und die langfristige Sicherstellung einer guten Patientenversorgung.
Wir wissen, dass viele Entscheidungen im Gesundheitswesen von erfahrenen Funktionsträgern getroffen werden (die ggf. nicht mit der täglichen ärztlichen Arbeit vertraut sind). Und genau deswegen kann man sagen, dass wir uns im Bündnis als notwendiges Korrektiv betrachten. Wir bringen die Sicht denjenigen ein, die sich aktuell in Weiterbildung befinden und die Auswirkungen von Reformen unmittelbar erleben. Also auch ihr, die den aktuellen Blogartikel vielleicht gerade lest. J
Warum ist nun das Bündnis für junge Dermatologen relevant?
Auch wenn die Dermatologie nicht immer direkt im Fokus gesundheitspolitischer Debatten steht, betreffen strukturelle Veränderungen der Weiterbildung alle Fachrichtungen gleichermaßen. Deswegen sind auch für uns junge Dermatologinnen und Dermatologen insbesondere drei Aspekte entscheidend:
1. Qualität der Weiterbildung:
Die Dermatologie ist ein breit gefächertes Fach mit diagnostischer, konservativer und operativer Komponente. Eine fundierte Weiterbildung erfordert deswegen Zeit, Struktur und auch ganz wichtig: praktische Erfahrung.
2. Arbeitsbedingungen:
Viele dermatologische Weiterbildungsstellen sind in Kliniken oder MVZ angesiedelt, die unter Personalmangel und einer krassen Arbeitsverdichtung leiden. Diese Faktoren beeinflussen direkt, wie viel Zeit dann täglich tatsächlich für Weiterbildung bleibt (oder eben fehlt).
3. Zukunft des Fachs:
Eine Verkürzung der Weiterbildung könnte deswegen auch langfristig Auswirkungen auf die fachliche Tiefe und die Attraktivität der Dermatologie per se haben. Und damit sowohl für den Nachwuchs als auch für Patienten.
Das BJÄ fungiert deswegen quasi als Sprachrohr, das genau diese Interessen bündelt und gegenüber Politik und ärztlicher Selbstverwaltung wie der Kassenärztlichen Vereinigung vertritt. '
Im Januar 2025 veröffentlichte das Bündnis ein Positionspapier zur geplanten Verkürzung der ärztlichen Weiterbildungszeit. Konkret geht es um Vorschläge aus der Berufspolitik, die Weiterbildung in vielen Fächern von bisher fünf bzw. sechs Jahren auf vier bzw. fünf Jahre zu reduzieren. Die zentrale Botschaft unseres Papiers ist eindeutig:
das Bündnis lehnt eine pauschale Verkürzung der Weiterbildungszeit ab.
Dabei handelt es sich nicht um eine pauschale Reformkritik, sondern um eine detaillierte Analyse der zugrunde liegenden Annahmen und ihrer möglichen Folgen, die ihr nun im Folgenden in Ruhe nachvollziehen könnt:
Kritikpunkt 1: Fehlannahmen zur „fachfremden Weiterbildung“
Ein zentrales Argument für die Verkürzung ist die Annahme, dass ein Teil der Weiterbildung, insbesondere die sogenannte fachfremde Zeit, verzichtbar sei. Wir im BJÄ widersprechen dieser Sichtweise deutlich. Auch in der Dermatologie gibt es nämlich ein fachfremdes Jahr, das auf die Weiterbildungszeit angerechnet werden kann.
Zum einen wird diese fachfremde Zeit in der Praxis häufig gar nicht vollständig anerkannt. Zum anderen ist sie keineswegs eine „verlorene Zeit“, sondern sie trägt wesentlich zum Kompetenzerwerb bei. Gerade in einem zunehmend interdisziplinären Gesundheitswesen sind Erfahrungen außerhalb des eigenen Fachgebiets von großem Wert.
Für uns junge Dermatologen können dieses beispielsweise Erfahrungen in der Inneren Medizin, Chirurgie oder Onkologie sein. Alles Bereiche, die im klinischen Alltag eng mit der Dermatologie verknüpft sind.
Darüber hinaus bieten diese Phasen eine wichtige Orientierungsfunktion, insbesondere zu Beginn der Weiterbildung. Eine vorschnelle Verkürzung würde diese wichtige Flexibilität erheblich einschränken.
Kritikpunkt 2: Europäische Vergleichbarkeit
Ein weiterer zentraler Aspekt des Positionspapiers ist der internationale Vergleich. In vielen europäischen Ländern beträgt die Weiterbildungszeit streng weiterhin fünf Jahre oder mehr.
Eine Verkürzung in Deutschland würde daher zu einer Sonderstellung führen und sich auch direkt auf die Anerkennung und Vergleichbarkeit von Qualifikationen auswirken.
Für ein Fach wie die Dermatologie, das stark international vernetzt ist, wäre dies besonders relevant. Forschung, Austauschprogramme und internationale Karrierewege könnten durch unterschiedliche Ausbildungsstandards erschwert oder sogar unmöglich werden.
Deswegen plädiert das BJÄ einmal mehr, die Weiterbildungsdauer mindestens auf dem bisherigen Niveau zu belassen, um internationale Standards zu sichern.
Kritikpunkt 3: Realität der Weiterbildung
Besonders eindrücklich ist die Analyse der tatsächlichen Weiterbildungssituation. Viele Mitglieder aus dem BJÄ berichten, dass viele Ärztinnen und Ärzte schon heute Schwierigkeiten haben, die geforderten Inhalte innerhalb der vorgesehenen Zeit zu erlernen. Und auch Umfragen aus verschiedenen Fachgebieten zeigen: Weiterbildungsinhalte können oft nicht vollständig vermittelt werden und die praktische Ausbildung (z. B. operative Erfahrung) ist häufig unzureichend.
Eine Verkürzung der Mindestzeit würde diese Probleme deswegen nicht lösen, sondern im Gegenteil verschärfen. Es würde der Druck erhöht, Inhalte in kürzerer Zeit bei gleichbleibenden strukturellen Defiziten zu vermitteln.
Für uns in der Dermatologie bedeutet das konkret: Weniger Zeit für den Erwerb komplexer diagnostischer Fähigkeiten (z.B. Phlebologie), für operative Techniken und für Rotationen in Spezialisierungen wie Dermatoonkologie oder Allergologie.
Kritikpunkt 4: Mindestzeit ist Realzeit
Ein besonders wichtiger Punkt ist die Feststellung, dass Mindestweiterbildungszeiten faktisch der tatsächlichen Weiterbildungsdauer entsprechen.
Auch wenn sie formal als „Mindestzeit“ definiert sind, orientieren sich Karriereplanung, finanzielle Entscheidungen und persönliche Lebensplanung an diesen Vorgaben. Eine Verkürzung würde daher in der Praxis zu einer realen Verkürzung der Ausbildung führen. Und genau hier warnen wir davor, dass dies zu einem Verlust an fachlicher Tiefe führen könnte.
Soweit, so gut, aber was fordern wir stattdessen?Das BJÄ beschränkt sich nicht auf reine Kritik, sondern formuliert daraus klare Alternativen und Vorgaben:
1. Keine pauschale Verkürzung
Die bestehende Weiterbildungsdauer soll beibehalten werden.
2. Qualitätsorientierte Reformen
Statt Zeit zu kürzen, sollte die Weiterbildung strukturell verbessert werden, mit klaren Curricula, einer besseren Supervision und mehr Zeit für praktische Ausbildung („hands-on“).
3. Fachspezifische Lösungen
Reformen sollen differenziert und auf die Bedürfnisse einzelner Fachgebiete abgestimmt sein.
4. Einbindung des Nachwuchses
Entscheidungen sollen nicht gegen den erklärten Willen und Sichtweise von Jungen Ärztinnen und Ärzten getroffen werden.
5. Erhalt von Flexibilität
Orientierungsphasen und fachübergreifende Erfahrungen sollen erhalten bleiben.
Für uns junge Dermatologinnen und Dermatologen hat diese Debatte weitreichende Konsequenzen. Die Weiterbildung prägt nicht nur die fachliche Kompetenz, sondern auch die Attraktivität des Fachs insgesamt.
Wünschenswert wäre eine qualitativ hochwertige Weiterbildung, um auch den steigenden Anforderungen in der modernen Dermatologie gerecht zu werden
Und genau deswegen macht das Positionspapier deutlich, dass eine Verkürzung der Weiterbildungszeit diese Ziele gefährden könnte.
Fazit
Nach dem Lesen des Blogartikels habt ihr einen Eindruck vom BJÄ und der zentralen Rolle in der aktuellen Debatte um die ärztliche Weiterbildung. Wir versuchen die Perspektive des Nachwuchses einzubringen und Reformen zu fordern, die sich ganz klar an der Realität des klinischen Alltags orientieren. Denn unsere Kernbotschaft ist klar: nicht die Dauer der Weiterbildung ist das Problem, sondern ihre Qualität an sich.
Für die Dermatologie bedeutet dies, dass die Sicherung einer fundierten, praxisnahen und strukturierten Weiterbildung oberste Priorität haben muss. Das aktuelle Positionspapier liefert hierfür wichtige Impulse und sollte auch innerhalb unserer Fachgesellschaften intensiv diskutiert werden.
Denn letztlich geht es um mehr als nur Ausbildungszeiten: es geht um die Zukunft des ärztlichen Berufs und die Qualität der medizinischen Versorgung, also um Patienten.
BK
