Ein Rückblick auf die EADV 2026 Zwischen Stephansdom und Sprechzimmer: Vier Dinge, die ich aus Wien mitnehme

Mehr als 20.000 Delegierte, ein riesiges Programm und die Frage, was davon in der Sprechstunde auch wirklich relevant ist. Um da nicht den Überblick zu verlieren, ist es wichtig, Schwerpunkte zu setzen und Sessions auszuwählen. Aber keine Sorge, alles ist auch noch bis Ende des Jahres abrufbar. Oder hier, wenn es heißt: vier Learnings der EADV für Weiterbildung und den klinischen Alltag.

Wien und die Dimension der EADV 2026

Wer morgens zum Austria Center Vienna fährt, braucht ein bisschen Zeit. Knapp hinter der Donau erstreckt sich das Messegelände. Aber spätestens auf der Fahrt merkt der Reisende, womit er es zu tun hat. Denn die österreichische Hauptstadt beherbergte vom 30. September bis 3. Oktober nach Angaben der EADV mehr als 20.300 Delegierte, die zum 35. EADV Congress zusammenkamen. Es ist zweifelsohne Europas führender Kongress für Dermatologie und Venerologie.

Ob jetzt in Wien 2026 ein neuer Besucherrekord aufgestellt wurde, lässt sich aktuell (noch) nicht belegen. Fakt ist aber: Im Gespräch und auch nach persönlichem Eindruck platzte der Kongress aus allen Nähten, sowohl auf fachlicher Seite (wie bei den Sessions) als auch beim Besucheransturm. Das Programm war also so dicht, dass man ohne Plan hätte untergehen können. Hier lag die Frage also schon vorab: Worauf den Fokus legen?

Die Frage, die ich mir vor der Reise gestellt habe: Was bringt mir ein Kongress dieser Größe, solange ich noch in der Weiterbildung bin?

 

Erstens: einen Blick über den Tellerrand.

Wir lernen nach deutschen Leitlinien und in deutschen Versorgungsstrukturen. In Wien sieht man dann aber, wie andere Länder dieselben Probleme angehen. Man erlebt Experten live, deren Publikationen man sonst nur aus Literaturverzeichnissen kennt. Oder man erlebt Impulsvorträge, die Mut machen, Neuland zu betreten sowie bei Susann C. Taylor, die nicht nur Präsidentin der AAD und absolute Vorreiterin auf dem Gebiet Skin of Color ist, sondern auch Professorin an der University of Pennsylvania. Sie hat das Standardlehrwerk „Taylor and Kelly’s Dermatology for Skin of Color“ verfasst und die Skin of Color Society (SOCS) gegründet.

 

Zweitens: Formate jenseits des Frontalvortrags.

Die EADV bietet Training-&-Education-Sessions, Workshops und die EADV Games für Residents. Hier waren auch wir vom BVDD vertreten, auch wenn das französische Team gewonnen hat. Aber gerade die praxisnahen Formate schulen klinisches Denken und nicht nur das Auswendiglernen von Studienzahlen.

 

Drittens: Networking.

Das klingt bestimmt nach Floskel, ist aber meine ehrlichste Beobachtung. Die Gespräche zwischen den Sessions waren oft mindestens so wertvoll wie einzelne Vorträge. Man erfährt, wie andere Kliniken ihren Alltag organisieren, und merkt, dass die eigenen Fragen auch anderswo diskutiert werden und dass Probleme oftmals gleich gelagert sind. Daher mein praktischer Tipp: Wer ohne Vorbereitung kommt, verzettelt sich. Ich habe mir vorab Themen gesetzt, die direkt in meine Arbeit passen. Das hat die Tage strukturiert.

 

Und das sind meine vier Learnings aus Wien

  1. Aktinische Keratosen: chronisch denken, nicht „behandeln und abhaken"

    Die Botschaft, die bei mir am stärksten gerade in den Sessions für Assistenzärzte hängen geblieben ist: Aktinische Keratosen sollten wir als chronische entzündliche Erkrankung verstehen. Das verändert die Haltung in der Sprechstunde. Es geht nicht um eine Diagnose, die man behandelt und dann vergisst, sondern um regelmäßige Verlaufskontrollen, Surveillance und, wo sinnvoll, wiederholte Behandlung bis hin zur Erhaltungstherapie.

    Für den Alltag heißt das: Patienten von Anfang an erklären, dass eine einmalige Therapie nicht das Ende der Geschichte sein muss und Wiedervorstellungstermine fest einplanen. Das ist weniger spektakulär als eine neue Studie, aber im Praxisalltag sehr relevant.

     

  2. JAK-Inhibitoren erweitern die dermatologische Toolbox

    Die Zahl entzündlicher und immunvermittelter Erkrankungen, bei denen eine JAK-Hemmung untersucht oder bereits eingesetzt wird, wächst rasant. Mein Eindruck aus Wien ist, dass diese Substanzklasse in der Dermatologie weiter an Bedeutung gewinnen wird.

    Für uns in der Weiterbildung bedeutet das, die Grundlagen früh zu lernen… Wirkmechanismus, Indikationen, Sicherheitsprofil und Monitoring. Wer jetzt beginnt, sich einzuarbeiten, ist in ein paar Jahren entspannter, wenn JAK-Inhibitoren im Alltag bei vielen Indikationen auf dem Behandlungstisch liegen.

     

  3. In der Systemtherapie bei Kindern entwickelt sich langsam Evidenz

    Auch in der Pädiatrie tut sich etwas. Zunehmende Evidenz stützt den sicheren Einsatz systemischer Therapien bei sorgfältig ausgewählten Kindern. Auch hier waren die Sessions für Assistenzärzte „mind-opening“. Ein früher Therapiebeginn nach Indikation, z.B. bei atopischer Dermatitis, kann dabei möglicherweise Krankheitskontrolle und Verlauf verbessern.

    Wichtig ist hier eine Einordnung: „Sorgfältig ausgewählt" ist dabei der entscheidende Begriff. Es geht nicht darum, schneller zur Systemtherapie zu greifen, sondern darum, die richtigen Kinder nicht unnötig lange mit unzureichender Lokaltherapie zu belassen. Das gilt es im Einzelfall und gemeinsam mit den Familien und auch interdisziplinär abzuwägen. Teamarbeit ist also gefragt.

     

  4. Melanomtherapie: acht Wirkprinzipien statt einer Substanzklasse

    Besonders eindrücklich war für mich eine Übersicht, die die Melanomtherapie nicht nach Substanzen, sondern nach Wirkprinzipien ordnete, quasi die „Modes of Action". In dieser Session für Assistenzärzte wurde gezeigt, wie breit das Feld mittlerweile geworden ist:

  • Immuncheckpoint-Inhibitoren bleiben das etablierte Fundament der Systemtherapie.
  • Neoadjuvante bzw. perioperative Therapie lässt die Immuntherapie zeitlich vor die Operation rücken.
  • Die zielgerichtete Therapie mit Small-Molecule-Inhibitoren bleibt aber weiterhin ein wichtiger Pfeiler.
  • Bispezifische T-Zell-Engager (BiTEs) wie Tebentafusp und Brenetafusp revolutionieren das Feld ebenso wie
  • Individualisierte Neoantigen-Therapie und andere Vakzine. Quasi eine Therapie, die auf das Mutationsprofil des einzelnen Tumors zugeschnitten wird.
  • Weiterhin die zelluläre Therapie mit T-Zell-basierten Ansätzen und
  • Intraläsionale Antikörper-Konjugate (wie Daromun) sowie
  • Intraläsionale onkolytische Viren (RP1).

Eine kleine Einordnung: Dies ist eine Landkarte, keine Therapieempfehlung. Nicht jedes dieser Konzepte ist heute Standard, denn einige befinden sich noch in der klinischen Entwicklung. Aber ein Kongress zeigt eben immer auch Neuheiten. Für Praxis und Facharztprüfung bleibt die solide Basis aus Checkpoint-Inhibition und zielgerichteter Therapie das, was man sicher beherrschen muss. Wer das (zukünftige) Feld versteht, hat einen entscheidenden Vorteil: die Begriffe BiTE, Neoantigen-Therapie oder onkolytisches Virus werden uns in den nächsten Jahren sicherlich häufiger begegnen, und es hilft, sie schon jetzt einordnen zu können. Und auch die Behandlungsrichtung ändert sich. Die Tumor-Therapie wird individueller und wandert in der Behandlungskette weiter nach vorn.

 

Persönliches Fazit

Die EADV ist riesig und kann zunächst überwältigend wirken. Aber genau darin liegt ihre Stärke. Man kann sich gezielt eigene Schwerpunkte setzen und in wenigen Tagen einen kompakten internationalen Überblick gewinnen.

Meine Mitbringsel aus Wien sind neben Mozartkugeln auch quasi „Haltungsänderungen“. Chronisch und langfristig denken statt abhaken, neue Substanzklassen rechtzeitig lernen, bei Kindern gezielt und früh handeln und bei der Tumortherapie die aktuelle Studienlage checken. Genau solche Details machen im Alltag eben oft den Unterschied. Der nächste Kongress kommt bestimmt und dabei gilt allerdings auch: den Besuch planen, aber nicht überplanen. Denn es sollte auch noch Zeit für die Industrieausstellung, die Messestadt und vor allem die Gespräche auf den Fluren sein. ☺︎

 

BK