Bericht: Hauptstadtkongress Medizin und Gesundheit 2018

Der diesjährige Hauptstadtkongress stand ganz im Zeichen von E-Health und Vernetzung im Gesundheitswesen.

Abb: Ada App
Ein besonderes Highlight der Eröffnungsveranstaltung war die Präsentation der SmartPhone-App “Ada” durch Dr. Martin Hirsch, einen der Gründer der Ada Health GmbH aus Berlin-Kreuzberg.

Die Highlights der Eröffnungsveranstaltung waren die Rede des neuen Gesundheitsministers Jens Spahn, die Video-Grußbotschaft von Prof. Dr. h.c. Hasso Plattner und die Präsentation der SmartPhone-App “Ada” von Dr. Martin Hirsch. Moderiert wurde die Veranstaltung von Prof. Dr. Erwin Böttinger, dem Leiter des neu gegründeten “Digital Health Center” am Hasso Plattner Institut der Universität  Potsdam.

In der Podiumsrunde saß u.a. Dr. Bernd Montag von der Siemens Healthineers AG. Dr. Montag sprach darüber, des es zukünftig “digital twins” des Patienten geben wird und dass eine Art “GPS für das Gesundheitswesen” geschaffen werden muss. Voraussetzung ist, dass sich alle Leistungserbringer im System neu definieren, was eine gewaltige Aufgabe darstellt und wofür entsprechende Mittel bereitgestellt werden müssen. Er verglich die Zahl der in Deutschland im Gesundheitswesen tätigen Personen mit der Zahl derer, die in der Automobilindustrie tätig sind. In beiden Bereichen arbeiten ca. 800.000 Personen. Er  forderte die Verantwortlichen in der Politik auf, eine vergleichbare Anstrengung auch im Bereich des Gesundheitswesens zu unternehmen, um, ebenso wie für die Automobilnutzung, eine Infrastruktur bereitzustellen und diese ständig zu modernisieren und zu erweitern. Hier sei mit der sicheren Telematikinfrastruktur (TI) bereits ein Grundstein gelegt worden.

Jetzt gehe es um die Anwendungen, die dieses sichere Datennetz nutzen. 

Die seit 15 Jahren verfolgte Kartenlösung (Elektronische Patientanakte), bei der der Patient lediglich Verwalter der Chipkarte ist, diese jedoch selber nicht lesen kann, da diese nur mittels eines Transmitters z. B. in der Arztpraxis eingelesen werden kann, wurde von der deutlichen Mehrheit aller Repräsentanten als veraltet angesehen.  “Die elektronische Gesundheitsakte hat den grundlegenden Webfehler, als Instrument der Leistungserbringer entwickelt worden zu sein, anstatt als Werkzeug für den Patienten” , kritisierte Frank Ulrich Montgomery, Ehrenvorsitzender des Marburger Bundes. 

Von dieser, bereits 15 Jahre andauernden und mittlerweile 2 Milliarden Euro teuren Entwicklung solle man Abstand nehmen und in Richtung SmartPhone-App weiterdenken. “Besser ein Ende mit Schrecken, als ein Schrecken ohne Ende” und “weg vom Machtgerangel zwischen Politik und Leistungserbringer, hin zu Patientenkompetenz.” – so Montgomerys Forderung. 

Die Regierung soll edie Autobahnen bauen, die Autos aber, die darauf fahren, solle die Industrie entwickeln und bauen und lieber rechtzeitig selber gestalten als darauf warten bis es von außen hereinkommt.

Passend zu diesen Überlegungen war dann auch der, per Video-Grußwort eingespielte, Beitrag von Prof. Hasso Plattner. Plattner berichtete, dass am Hasso Plattner-Institut in Potsdam vor einem Jahr ein “Digital-Health-Center” unter der Leitung von Prof Böttinger eingerichtet wurde. Ziel sei es, eine “Health-Cloud” zu schaffen, durch die medizinische Leistungen besser und preiswerter werden sollen. Das Zusammenspiel von “Big Data”, “KI”* und die persönlichen Patientendaten ermögliche es, bereits im Vorfeld des Arztbesuchs Erkenntnisse über Krankheiten und Therapiemöglichkeiten bereitzustellen. Stichworte sind hier u.a.  “machine learning”* und “Mustererkennung”*.

    *”KI (künstliche Intelligenz)”, “Machine Learning”, “Mustererkennung”** sind nur einige Schlagworte wenns um E-Health geht. Die Aufgabe besteht darin, folgende vier Komponenten zusammenzubringen:  
1. Rechenleistung moderner Rechenzentren und sicherer Datentransfer  
2. Big Data, also weltweit vorhandene Informationen zu allen Aspekten gesundheitlicher Versorgung wie Daten aus Forschung, Verwaltung, Praxis, Patientendaten etc.
3. Algorhytmen, die die gewaltigen Datenmengen sinnvoll  interpretieren, mit den Patientendaten verknüpfen und Schlüsse ziehen sowie 
4. “Machine Learning”, also Algorhytmen, die ihr Wissen selbständig erweitern.

** Dr. Andreas Weimann, GF von Labor Berlin - Charité Vivantes GmbH weist darauf hin, das Mustererkennung, also die Interpretation von Pixelbildern noch immer sehr schwierig und fehlerhaft ist, dass hingegen alles was alphanumerisch erfasst werden kann, sehr gut zu verarbeiten ist, was zum Beispiel die schnelle Befundung bei multiresistenten Bakterien möglich macht.

Prof. Böttinger verdeutlichte, wie eine Gesundheits-App für Patienten aussehen kann. Dafür beamte er einige Screens aus seiner amerikanischen Health-Care-App “mychat.mountsinai.org” direkt vom Handy auf die Großleinwand. Obama habe die Grundlagen dafür geschaffen, in wenigen Jahren das amerikanische Gesundheitssystem mit den aktuellen technischen Möglichkeiten abzugleichen. Der Patient selber sei Eigentümer seiner Gesundheitsdaten. Er selber habe Einblick in seine Daten, Untersuchungsergebnisse, Medikamentenpläne u.v.a.m. (ähnlich aufgebaut wie  z. B. Fitness-Apps). Das Problem der Industrie mit Obamacare sei aber das der Nachhaltigkeit: Wenn der nachfolgende Präsident Obamacare wieder abschaffen könne, würde niemand in den Ausbau investieren. Gesellschaft und Industrie brauche eine langfristig angelegte und berechenbare Gesetzesgrundlage. 

Ein besonderes Highlight der Eröffnungsveranstaltung war die Präsentation der SmartPhone-App “Ada” durch Dr. Martin Hirsch, einen der Gründer der Ada Health GmbH aus Berlin-Kreuzberg: Ada wurde über sieben Jahre entwickelt und hat nach seinen Angaben aktuell mehr als 7.000 zum Teil seltene Krankheiten eingepflegt und dazu fünf Millionen Symptomanalysen durchgeführt. 

Die Analyse geschieht über einen KI-gesteuerten Fragenkatalog, den Ada im Chat mit dem Nutzer durchgeht. Ada kann eine Anamnese auf Basis der vom Nutzer angegebenen Informationen vornehmen und liefert einen Diagnosevorschlag. Grundsätzlich gehe es in den westlichen Industrienationen aber nicht darum, den Arzt zu ersetzen, stellt Hirsch klar. Ohnehin dürfe die App hierzulande keine Diagnosen stellen, sondern nur Empfehlungen geben. Daher helfe Ada den Medizinern eher, "auf Nummer sicher zu gehen". 
So gibt die App bei der Analyse der Symptome an, was die wahrscheinlichste Krankheit sei. Zugleich aber weist sie darauf hin, welche Krankheit am besten zu den Symptomen passt, denn „die wahrscheinlichste Krankheit ist nicht immer die richtige“, wissen die App-Entwickler.

Ada hat bis dato bereits 3 Mio. Nutzer, seit Nov. 2017 gibt es die App auch in einer deutschen Version.

Gründer Dr. Martin Hirsch berichtet, außerdem, dass man täglich lukrative Angebote aus China bekomme. 
In China z. B. gehöre das Erlernen von KI-Anwendungen zu den Grundlagen des Medizinstudiums, erklärt Diskussionsteilnehmer Dr. Friedrich von Bohlen von der Molecular Health GmbH. Hier müsse das Medizinstudium in Deutschland neu durchdacht werden. “Das Privatleben ist durchdigitalisiert und im Krankenhaus werden noch Akten geschleppt.”

Podiumsredner Dr. med. Markus Müschenich, Vorstandsmitglied des Bundesverbands Internetmedizin, bringt die den Weg des Patienten der Zukunft auf folgende Formel: digital vor ambulant vor stationär.

Dr. Friedrich von Bohlen spricht von “Präzisionsmedizin” und ist der Meinung, dass es durch Big Data weniger Fehler in der Entwicklung von Pharmaprodukten geben wird und Medikamente preiswerter werden.

“Wir haben in Deutschland die führende Diagnose Unterstützungs-Technologie, aber die Budgets fehlen und die Chinesen bieten gigantische Summen um das hier einzukaufen.

Erfreulich vom neuen Deutschen Gesundheitsminister Jens Spahn zu hören, dass er in der digitalen Welt mitspielen will, ja sogar vorne mit dabeisein. Und er zählt dazu vier Punkte auf:
1.    Digitalisierung: 
• wir brauchen eine Telematik-Infrastruktur 
• wir müssen klären, wie wir die Netze optimal nutzen 
• wir müssen SmartPhones nutzen und “einfach muss es sein”.
2.    Bis zu 30. 000 € Förderprogramm für die Verbesserung der Abläufe in Pflegeeinrichtungen
3.    Verbesserung der Verzahnung der Leistungserbringer: gute Versorgung geht nur zusammen
4.    Finanzierung: Die Kassen haben ein Überschuss von 30 Milliarden € erwirtschaftet. Hier soll über eine Reform des Strukturausgleichs nachgedacht werden.