Diagnose

Akutes retrovirales Syndrom

Tabelle 1: Stadieneinteilung der akuten HIV-Infektion (modifiziert nach Fiebig [1, 2]).

Weitere Diagnostik
Hepatitis-Serologie (HAV, HBV, HCV): negativ; CMV-Serologie (pp65-Ag): negativ; EBV-DNA: negativ; Syphilis-Serologie: negativ.
HIV-Serologie: HIV-1/-2-Immunoblot (IgG): negativ;
HIV-1/2-EIA (IgG): negativ; p24-Antigen (EIA): positiv; HIV-1-RNA: > 10 000 000 Kopien/ml.
Lymphozytensubpopulation: CD4: 151/μl (20 %), CD8: 399/μl (53 %), CD4/CD8-Quotient: 0,4.
Lymphozytensubpopulation nach 3 Monaten: CD4: 820/μl (34 %); CD8: 820/μl (34 %);
CD4/CD8-Quotient: 1,0.

Diskussion
Das Exanthem bildete sich innerhalb weniger Tage zurück. Nach Vorliegen des p24-Antigentests wurde mit dem Patienten die Möglichkeit einer Frühbehandlung der HIV-Infektionbesprochen und eine antiretrovirale Kombinationstherapie (HAART) mit Lopinavir/Ritonavir (LPV/r) und Emtricitabin/Tenofovir (FTC/TDF) eingeleitet. Nach Vorliegen des negativem HLA-B*5701-Status wurde die Therapie auf ein Eintablettenregime mit Dolutegravir (DLG), Lamivudin (3TC) und Abacavir (ABC) umgestellt. Unter der antiretroviralen Therapie fiel die HIV-RNA unter die Nachweisgrenze (< 40 Kopien/ml) und die Lymphozytensubpopulation normalisierte sich fast vollständig (s. o.)

Kurz nach Infektion mit HIV kommt es bei zwei Drittel der Patienten zur akuten HIV-Krankheit (akutes retrovirales Syndrom). Dabei sind Krankheitsgefühl und Symptome wie Fieber, Gelenk-, Muskel- und Halsschmerzen, Appetit- und Gewichtsverlust, orale Erosionen und Lymphknotenschwellungen typisch. Ein Exanthem tritt in ca. 50 % der Fälle auf und zeigt ein rubeoliformes oder morbilliformes Bild. Zur Unterteilung der akuten HIV-Krankheit haben sich die Stadien nach Fiebig [1;1] durchgesetzt (Tabelle 1).

Die HIV-Infektion kann in der frühen Phase der Virämie sehr effektiv behandelt werden [3], allerdings ist eine Ausheilung auch in diesen Stadien nicht möglich. Auf jeden Fall wirkt sich ein früher Therapiebeginn günstig auf den Verlauf der weiteren Infektion aus, da die spezifische Immunantwort länger und effektiver erhalten bleibt [4] und die HIV-Replikation in weiteren Kompartimenten (beispielsweise lymphatisches Gewebe des Magen-Darm-Trakts) minimiert wird [5].

Die Diagnose der akuten HIV-Krankheit stützt sich neben der Symptomatik und einer anamnestischen HIV-Exposition auf den Nachweis der HIV-RNA und den p24-Antigentest. Der p24-Antigentest wird ungefähr ab dem 5. Tag der Virusproduktion positiv [6]. Der HIV-Antikörpertest kann zu dem Zeitpunkt noch negativ sein (Tabelle 1). Da weitere parainfektiöse oder medikamentös verursachte Exantheme morphologisch schwer abzugrenzen sind, sollten andere, meist virale Infektionen ausgeschlossen und nach Arzneimittel gefragt werden. Eine Palmar- und Plantarbeteiligung ist bei der akuten HIV-Krankheit ungewöhnlich. Eine Syphilis ist vor allem bei MSM (men who have sex with men) häufig und muss serologisch ausgeschlossen werden.

Nach Diagnosestellung sollte mit dem Patienten die Möglichkeit einer Frühtherapie der HIV-Infektion besprochen werden. Im vorliegenden Fall wurde eine Kombinationstherapie mit einem Eintablettenregime (3TC/ABC/DLG) begonnen. Die HIV-RNA fiel unter die Nachweisgrenze und Immunwerte normalisierten sich nahezu. Die Therapie wurde ohne Nebenwirkungen gut vertragen. Wie lange die Therapie durchgeführt werden muss, ist noch unklar. Ein Therapieauslassversuch kann nach einem Jahr versucht werden [7]. Dann sollten die HIV-Verlaufsparameter dreimonatlich nachuntersucht werden. Bei morbilliformen Exanthemen sollte auch bei einem negativen HIV-Antikörpertest an eine akute HIV-Infektion gedacht werden [8].

Interessenkonflikt
Keiner.

Literatur
1 Fiebig EW, Wright DJ, Rawal BD et al. Dynamics of HIV viremia and antibody seroconversion in plasma donors: implications for diagnosis and staging of primary HIV infection. AIDS 2003; 17(13): 1871–9.
2 Ananworanich J, Fletcher JL, Pinyakorn S et al. A novel acute HIV infection staging system based on 4th generation immunoassay. Retrovirology 2013; 10: 56.
3 Ananworanich J, Schuetz A, Vandergeeten C et al. Impact of multi-targeted antiretroviral treatment on gut T cell depletion and HIV reservoir seeding during acute HIV infection. PLoS One 2012; 7(3): e33948.
4 Schuetz A, Deleage C, Sereti I et al. Initiation of ART during early acute HIV infection preserves mucosal Th17 function and reverses HIV-related immune activation. PLoS Pathog 2014; 10(12): e1004543.
5 Hocqueloux L, Avettand-Fenoel V et al. Long-term antiretroviral therapy initiated during primary HIV-1 infection is key to achieving both low HIV reservoirs and normal T cell counts. J Antimicrob Chemother 2013; 68(5): 1169–78.
6 Cohen MS, Gay CL, Busch MP, Hecht FM. The detection of acute HIV infection. J Infect Dis 2010; 202 (Suppl 2): S270–7.
7 Persaud D, Gay H, Ziemniak C et al. Absence of detectable HIV-1 viremia after treatment cessation in an infant. N Engl J Med 2013; 369(19):1828–35.
8 Stranzenbach R, Stadler R. [HIV window period : Acute retroviral syndrome]. Hautarzt 2015; 66(4): 282–4.

 

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