Diagnose

Verbrennungen zweiten und dritten Grades, hervorgerufen durch ein Feuerzeug, als Folge von Crack-Konsum bei einem Patienten mit einer Borderline-Persönlichkeitsstörung und Mehrfachabhängigkeit [ 1 ]

Tabelle 1: Klinische Kategorien der Psychodermatologie

Diskussion
Verschiedene Hauterkrankungen sind mit psychischen Erkrankungen assoziiert; der Begriff „Psychodermatologie“ wurde zur Beschreibung verschiedener klinischer Zustände geprägt, bei denen ein Zusammenhang zwischen Haut und Psyche festgestellt wurde [ 2–6 ] (Tabelle 1 ). Insbesondere bei Drogenabhängigkeit kann die Haut direkt oder indirekt geschädigt werden. Eine direkte Schädigung kann durch die chemischen Eigenschaften der Droge verursacht werden und/oder durch die für die Synthese verwendeten Instrumente/Werkzeuge (beispielsweise Ulzera, Knötchen, Gefäßsklerose) [ 7, 8 ] . Indirekt kann die Haut durch die Art und Weise, wie Drogen konsumiert werden, geschädigt werden( beispielsweise Verbrennungen, vaskuläre Atrophie, Dyschromie) [ 9–13 ] . Darüber hinaus werden bestimmte Hauterkrankungen direkt mit Drogenentzug assoziiert (wie turkey skin bei Heroinmissbrauch).
Unser Patient ist ein 29-jähriger Mann mit Ohrexpandern, Nasen- und Augenbrauenpiercings, einem transdermalen Implantat unterhalb des rechten Auges und verschiedenen Tätowierungen. Auf seinen Fingern war
der Schriftzug „Lost Soul“ tätowiert (Abbildung 2 ). ZweiMonate vor seiner Vorstellung waren bei dem Patienten schmerzhafte, ulzerierte Läsionen an den Daumeninnenseiten aufgetreten, welche teilweise von Krusten bedeckt waren und resistent auf topische Antibiotikatherapie reagierten.
Im Alter von 11 Jahren hatte der Patient mit dem Konsum von Drogen begonnen: Anfänglich trank er große Mengen Alkohol, es folgte der Konsum von Ketamin, Ecstasy, MDMA, Kokain und THC (Tetrahydrocannabinol). Im Frühjahr des vorangegangenen Jahres begann der Patient Crack zu rauchen. Hierbei führte die wiederholte Verwendung eines Feuerzeugs, das während des Verdampfens der Droge benutzt wurde, zu den ulzerierten Läsionen, die sich als Verbrennungen zweiten und dritten Grades herausstellten. Die Lebens- und Familiengeschichte des Patienten war von sozialen und psychologischen Schwierigkeiten geprägt: Der Vater war stark alkoholabhängig (ICD-10 F10.20) [ 1 ] und trennte sich von der Mutter, als der Patient zehn Jahre alt war. In der Folge erkrankte die Mutter an einer reaktiven Depression (ICD-10 F32.9) [ 1 ] und übertrug, möglicherweise aufgrund ihrer Erkrankung, dem Großvater das Sorgerecht für ihren Sohn. Mit 11 Jahren begann der Patient Alkohol zu trinken, während seiner Jugendzeit ging er zu THC, Ketamin, Ecstasy und MDMA über. Mit 18 Jahren begann der Patient damit, sich tätowieren zu lassen; viele der Tätowierungen scheinen eine symbolische Bedeutung zu haben. Der auf beide Fäuste tätowierte Schriftzug „lost soul“ wurde von psychiatrischer Seite als möglicher Wunsch nach Anerkennung und mütterlicher Akzeptanz interpretiert. In der Folge von schwerem Drogenmissbrauch und nachdem der Patient Bewusstseinsund Wahrnehmungsstörungen, Impulsivität, ein Gefühl der Leere und unkontrollierbare starke Wut erfahren hatte, stellte er sich spontan in der Suchtklinik vor. Nach einer psychiatrischen und psychometrischen Beurteilung, unter anderem durch das SKID-I (strukturiertes klinisches Interview für DSM-IV, Achse 1) [ 14 ] , SKID-II (Achse 2) und den Frankfurter Beschwerde-Fragebogen (FBF), wurden eine Borderline-Persönlichkeitsstörung (ICD-10 F60.3) und eine Mehrfachabhängigkeit (ICD-10 F19.10) [ 1 ] diagnostiziert.
Der Patient bekam Stimmungsstabilisierer und begann eine systemische Psychotherapie. Er brach die Behandlung mehrfach ab, und nahm wieder psychoaktive Substanzen. Die daraufhin wiederkehrenden Hautläsionen hatten zur Folge, dass er erneut von uns behandelt werden musste. Durch unseren Kollegen aus der Psychiatrischen Klinik wurden wir darauf aufmerksam gemacht, dass die Ulzera unseres Patienten durch das Feuerzeug verursacht wurden, welches er zum Verdampfen des Crack nutzte. Als kristalline Form von Kokain ist Crack als Droge aufgrund der geringen Kosten und der einfachen Konsumierbarkeit
weit verbreitet. Wird es erhitzt, ertönt das typische Knacken (crack); anschließend wird die Droge mithilfe einer Flasche oder Pfeife geraucht. Durch das Rauchen erreicht die Substanz schnell das Gehirn und induziert umgehend einen Rauschzustand (trip), der etwa 15 Minuten lang anhält. Die Rauschwirkung ist intensiv, hält jedoch nur kurz an und kann bereits nach Erstkonsum in die Abhängigkeit führen. Crack verursacht eine kurze „Hochphase“, gefolgt von einer „Downphase“, die mit Reizbarkeit und obsessivem Verlangen einhergeht. Dies erklärt, weshalb der Patient ungeachtet seiner Verletzungen weiterhin die
Substanz über ein Feuerzeug verdampfte, welches er in der Hand hielt. Bei der neurologischen Untersuchung des Patienten zeigten sich keine peripheren sensorischen Defizite, man beobachtete jedoch einen veränderten Bewusstseinszustand sowie eine verzerrte Wahrnehmung der Realität.
Obgleich Dermatologen eher selten bei der Behandlung solcher Patienten involviert sind, ist das Erkennen typischer Zeichen von Drogenabhängigkeit wichtig für eine adäquate Diagnosestellung und Behandlung. Im vorliegenden Fall wurde die korrekte Diagnose durch die Zusammenarbeit mit dem Psychiater und dessen Interpretation der Tätowierungen gestellt.


Interessenkonflikt
Keiner.

 

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Die Diagnosequizze werden uns freundlicherweise zur Verfügung gestellt vom 
"Journal der Deutschen Dermatologischen Gesellschaft" © Deutsche Dermatologische Gesellschaft