Dermatologie und Kunst

Ein Blick auf Vergangenheit und Gegenwart

Gemälde von rechts nach links: ©Anne Kerber und ©Ariana Page Russell. Die anderen sind Gemeinfrei

Upps, da hatte ich mich wohl verlaufen. Etwas verwirrt saß ich diesen Herbst in einem EADV-Vortrag mit dem Titel „Interactive analysis of French painting with the Dermatologist eye“. Er war Teil der Session „Visual Literacy“ und gehörte offenbar zu den eher wenig besuchten Themen der diesjährigen EADV. Der Speaker zeigte in seiner Präsentation Bilder aus unterschiedlichen Epochen und sprach über unterschiedliche Darstellungen von Kunst aus Sicht der Dermatologie.

Mir wurde bewusst, dass Gemälde für uns heute die einzige Möglichkeit sind, zu erfahren, wie Menschen vor Erfindung der Fotografie Hautkrankheiten wahrgenommen und dargestellt haben. Mein Interesse am Nischenthema „Dermatologie in der Kunst“ war geweckt.

Kunst in der dermatologischen Lehre

Kunst und Dermatologie sind bereits seit langer Zeit miteinander verwoben. Als es noch keine Fotografie gab, wurden Bücher wie der Atlas der Hautkrankheiten von Ferdinand von Hebra aus dem Jahr 1867 herausgegeben, um jungen Ärztinnen und Ärzten die sehr visuell geprägte Fachrichtung Dermatologie nahe zu bringen. Aus heutiger Perspektive sind die Bilder nach wie vor sehr akkurat gezeichnet und verblüffen mit ihrer Detailgenauigkeit. Bei Google Books könnt ihr euch die gemalten Bilder anschauen (https://books.google.de/books?id=OP9aAAAAQAAJ&printsec=frontcover&hl=de#v=onepage&q&f=false, Bilder im hinteren Teil des Buches). Es finden sich dort beispielsweise Malereien zu Erythema exsudativum multiforme,  Urtikaria oder Herpes facialis.

 

Hautveränderungen auf historischen Gemälden

Meine Internetrecherche ergab, dass sich auch andere Autorinnen und Autoren bereits für das Thema Dermatologie und Kunstgeschichte interessierten.

Besonders häufig begegneten mir dabei historische Darstellungen infektiöser Erkrankungen wie Syphilis und Lepra. Munch stellt in „Das Erbe“ von 1897 wahrscheinlich die Übertragung von Syphilis von der Mutter auf das Kind dar, welches offenbar an einer blasenbildenden Hauterkrankung leidet. Auch Lepra findet sich auf zahlreichen mittelalterlichen Gemälden, wie beispielsweise hier in der Darstellung von Bartholomaeus Anglicus.

Seborrhoische Keratosen und Nävi wurden ebenfalls häufig auf Gemälden dargestellt. Nicht immer ist eindeutig erkennbar, ob es sich um benigne oder maligne Veränderungen handelt. Im Museo del Prado lässt sich das unten stehende Gemälde von Goya bewundern. Dabei fällt eine ältere Frau im Hintergrund mit einer bräunlich-schwarz pigmentierten Hautveränderung auf, was sowohl auf eine seborrhoische Keratose als auch auf ein Melanom hindeuten könnte.

Auch Akne und Rosazea finden sich auf Malereien des Mittelalters. Auf diesem Gemälde aus 1490 zeigt der Maler beispielsweise einen Mann mit einem Rhinophym.

Einige Autoren äußerten auch die Vermutung, dass in den beiden bekannten Gemälden „Mona Lisa“ von Leonardo Da Vinci und dem „Das Mädchen mit dem Perlenohrgehänge“ von Jan Vermeer Frauen mit Alopecia areata dargestellt wurden. Bei beiden Frauen erscheint das Augenbrauenwachstum vermindert, bzw. kaum vorhanden zu sein. Jedoch gibt es Hinweise darauf, dass zumindest die Mona Lisa ursprünglich mit Augenbrauen gemalt wurde und diese im Lauf der Jahre verblasst sind (https://www.telegraph.co.uk/culture/art/3668700/Solved-Why-Mona-Lisa-doesnt-have-eyebrows.html. 2007. Abgerufen am 03. Januar 2024).

Zusätzlich zu den hier gezeigten Gemälden gibt es noch zahlreiche weitere Kunstwerke, welche die Bedeutung von Haut und Hauterkrankungen im historischen Kontext zeigen. Ihr könnt diese beispielsweise in den unten im Artikel empfohlenen Büchern finden.

 

Kunst und Dermatologie heute

Auch heute sind Dermatologie und Kunst miteinander verwoben. In Deutschland verbindet beispielsweise Anne U. Kerber aus Homburg die Dermatohistologie mit Kunst. Sie verwandelt histologische Schnitte in Pop Art Bilder und achtet hierbei auf die detaillierte Darstellung der Grundstrukturen des Gewebes. Ihre Kunst findet ihr auf der Homepage www.histopart.de.

Einen ebenfalls interessanten Blickwinkel zeigen beispielsweise die Arbeiten der Künstlerinnen Ariana Pagel Russel und Tamsin van Essen, welche Haut aus der Sicht von Patientinnen darstellen.

Die in Kalifornien lebende Künstlerin Ariana Page Russell stellt ihre Erfahrungen mit zu urtikariellem Dermographismus neigender Haut fotografisch dar. Ihre Fotografien zeigen abstrakte Muster, Konstellationen und Wörter, welche sie mit einer stumpfen Nadel in ihre Haut kratzt. Ihre Homepage mit zahlreichen Fotografien findet ihr unter: https://arianapagerussell.com/work/.

Die Künstlerin Tamsin van Essen lebt in London und arbeitet mit Keramik. Ihr Werk „Medical Heirlooms“ stellt Hauterkrankungen anhand von Gefäßen dar. Hierbei verknüpft sie die Form der Apothekergefäße aus dem 17. und 18. Jahrhundert mit den visuellen Aspekten von dermatologischen Veränderungen. Fotografien ihrer Arbeiten findet ihr unter: https://www.tamsinvanessen.com/#/medical-heirlooms/

Sicher gibt es noch einige weitere Künstlerinnen und Künstler, die spannende Arbeiten zum Thema Kunst und Dermatologie veröffentlicht haben.

Fun fact: In Online-Shops wie Etsy werden kommerziell Histologie Aquarellzeichnungen verkauft. Hier könnt ihr zum Beispiel ein Basalzellkarzinom als blau-grüne Aquarellzeichnung erwerben. Auch ein Melanom gibt es in bunt ausgemalten Farben. Über den künstlerischen Wert und moralische Fragestellungen gibt es hier sicher unterschiedliche Meinungen – aber Kunst liegt ja bekanntermaßen im Auge des Betrachtenden.

Viel Spaß beim Stöbern!
Eure Katharina

Quellen/weiterführende Literatur:

Buch: DermARTologie/DermARTtology: Das Inkarnat Die Haut in der bildenden Kunst/Carnation Skin in the fine arts, Autoren: Prof. Burg, Dr. Michael Geiges, Cathérine Hug, 1. Auflage 2022

Buch: Dermatolgie in der Kunst, Autoren: Gustav Wagner, Wolfgang J. Müller, 1970

Online-Artikel im Journal of Clinical and Aesthetic Dermatology: jcadonline.com/sept-2018-art/

Podcast: von Prof. Ring, Burg und Dr. Geiges: https://eadv.podbean.com/e/is-this-art/

Links zu den Homepages der drei Künstlerinnen:

Tamsin van Essen: https://www.tamsinvanessen.com/

Artikel über Tamsin van Essen im Journal of the European Academy of Dermatology and Venerology: https://onlinelibrary.wiley.com/doi/full/10.1111/jdv.19160

Anne Kerber:  www.histopart.de

Ariana Page Russell: https://arianapagerussell.com/work/